Berichte aus dem Deutsch-Japanischen Studienprogramm 2025 in Japan
Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft und Empowerment aller jungen Menschen
Berichte aus dem Deutsch- Japanischen Studienprogramm 2025 in Japan
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ....................................................................................................................................................................................................... 2
Einleitung ....................................................................................................................................................................................................................... 4
Das Konzept „Ibasho“ ............................................................................................................................................................................................... 5
Ein kleines Interview über die Studienreise in Japan & Ibasho..............................................................................................................11
Der digitale Ibasho – ein Raum für Teilhabe und Empowerment? .......................................................................................................13
Hikikomori im Fokus: Von Japan in die Welt .................................................................................................................................................18
Berufliche Orientierung und Übergänge von Schule in den Beruf – Einblicke aus Japan und Deutschland .......................22
Schulabsentismus und sozialer Rückzug ........................................................................................................................................................26
Gesellschaftliche Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen in Japan und alternative Ansätze ............................31
Auf dem Weg zu neuen Zielgruppen: Die Idee der Freundlichen Sprache.......................................................................................34
Impressum ...................................................................................................................................................................................................................40
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Abbildung 1: Berg Aso in Kumamoto
Abbildung: 3 Shibuya, Tokio
Abbildung 2: Flughafen Kumamoto
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Einleitung
(Jule Lilo Knop)
Teilhabe ist nicht nur ein Grundrecht, sondern auch ein entscheidender Faktor für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung. Junge Menschen, unabhängig von Beeinträchtigungen, sozialer Herkunft, nationaler oder kultureller Zugehörigkeit, Geschlecht oder sexueller Orientierung, müssen die Möglichkeit haben, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, und ihre Stimme muss gehört werden können. Die Jugendarbeit spielt dabei eine Schlüsselrolle, indem sie Räume schafft, in denen junge Menschen ihre Potenziale entfalten und ihre Rechte wahrnehmen können. Vor diesem Hintergrund fand ein zweiwöchiges Fachkräfteprogramm statt, welches Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe die Möglichkeit bot, tiefere Einblicke in die japanische Praxis zur Förderung der gleichberechtigten Teilhabe und des Empowerments junger Menschen zu gewinnen. Die japanische außerschulische Bildungsarbeit hält interessante Ansätze bereit, die für die Herausforderungen der deutschen Jugendhilfe von Bedeutung sein können.
Während des Programms hatten wir die Gelegenheit, unterschiedlichste Einrichtungen der außerschulischen Jugendbildung und Jugendarbeit zu besuchen. Zusätzlich gaben uns Fachvorträge von Expert*innen wertvolle Einblicke in die aktuelle Praxis und Herausforderungen, mit denen Japan konfrontiert ist.
Die vorliegende Dokumentation der Deutsch-Japanischen Fachkräftebegegnung beleuchtet, wie gleichberechtigte Teilhabe in den besuchten Einrichtungen verstanden und umgesetzt wird. Welche Erfahrungen haben wir im Bereich der Partizipation in Japan gesammelt und welche wertvollen Erkenntnisse können wir daraus für unsere Arbeit in Deutschland ableiten?
Um erfolgreich mit jungen Menschen arbeiten zu können, ist es wichtig, dass diese sich wohlfühlen. Diese Erkenntnis ist nicht neu - jedoch wird in Japan ein Konzept namens „Ibasho“ zugrunde gelegt, das die Bedeutung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit besonders hervorhebt. Es zeigt, wie entscheidend es ist, sichere Räume zu schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen und ihre Potenziale entfalten können. Es ist ein wertvolles Leitprinzip für soziale Projekte und Initiativen, die das Ziel verfolgen, das Wohlbefinden der Menschen zu fördern und eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. In der Dokumentation wird dieses Konzept näher betrachtet. Darüber hinaus sind wir während des Studienprogramms Projekten begegnet, die das Ziel verfolgen, der Schulabstinenz entgegenzuwirken. Die Schule nicht mehr zu besuchen, kann mit sozialer Isolation einhergehen. Hikikomori, eine Bezeichnung für Menschen, die sich für einen längeren Zeitraum aus der Gesellschaft zurückziehen und damit die gesellschaftlichen Strukturen in Japan herausfordern. Ein besseres Verständnis für die Ursachen und Auswirkungen dieses Rückzugs ist entscheidend, um wirksame Unterstützungsangebote zu entwickeln und den Betroffenen zu helfen, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Auch dieses Thema wird in der Dokumentation vertiefend behandelt.
Durch den direkten Austausch bietet der Deutsch-Japanische Fachkräfteaustausch wertvolle Einblicke in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Länder und liefert Impulse für die Weiterentwicklung der eigenen Arbeit hierzulande.
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Das Konzept „Ibasho“
(Daniel Heinz, Patrick Mendel)
Deutschland und Japan stehen vor der gleichen Herausforderung: Wie kann es gelingen, allen jungen Menschen eine umfassende Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen und sie zu befähigen, die Zukunft bestmöglich zu gestalten? Eine japanische Antwort auf diese Herausforderung ist das Schaffen von sogenannten „Ibasho”, ein Konzept, welches in Deutschland so in dieser Form nicht existiert. Diese besonderen „Seinsorte” werden in diesem Beitrag näher erläutert, die Entstehung historisch betrachtet, in den Kontext von Jugendarbeit gebracht und mit hiesigen Konzepten verglichen.
Der Begriff „Ibasho”
Bei dem Programmpunkt „Initiativen zur Schaffung von Ibasho für alle jungen Menschen!” hat uns Herr Hiroshi Oyama, Beauftragter für die Förderung der Schaffung von Ibasho in einem gesonderten Referat des Amts für Kinder und Familien, das Verständnis des Begriffs erläutert und staatliche Aktivitäten geschildert.
Der japanische Begriff „Ibasho” setzt sich aus den beiden Begriffen „i (-ru)“, dem Verb für „sein“ oder „existieren“ sowie dem Nomen „basho“, welches für „Ort“ oder „Platz“ steht, zusammen (siehe Maruyama, 2021).
Im internationalen Sprachgebrauch existieren keine adäquaten Begriffe, welche die in der japanischen Konnotation enthaltene Dimension von Sicherheit und Wohlgefühl wiederzugeben vermögen. Auch beinhaltet der japanische Begriff mehr als bloß den physischen Aufenthaltsort. Er bezeichnet Räume, an denen Menschen sie selbst sein können – wo sie sich sicher, akzeptiert und wertgeschätzt fühlen. Wir sprechen folglich im weitesten Sinne von Orten, an denen sich Menschen psychologisch sicher fühlen. Ibasho kann vieles sein: die Familie, eine Gaming-Community, die Schulmensa oder ein Jugendzentrum. Entscheidend ist das individuelle Erleben von Sicherheit, Akzeptanz, Zugehörigkeit und Sinn. Inhaltlich verwandt erscheint uns der Begriff aufgrund der räumlichen Dimension mit dem in Bürgerrechts-, Feminismus- und LGBTQIA+-Bewegungen entstandenen Konzept des „Safe Space“. Während ein Safe Space für eine einzelne und konkrete, marginalisierte Gruppe in erster Linie Schutz vor Diskriminierung und Gewalt bedeutet (siehe Hilger, 2024, S. 9), geht der Begriff „Ibasho“ in eine etwas andere Richtung: Hier stehen Teilhabe, Zugehörigkeit und Sinnstiftung im Vordergrund. Pädagog*innen stellen Räume bereit, die sich Kinder und Jugendliche individuell aneignen können. Die persönliche Erfahrung macht den Raum zum Ibasho. Safe Spaces sehen wir – zumindest in der Jugendarbeit – als notwendige Grundlage für die Entstehung eines Ibasho. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich das Ibasho-Konzept in der japanischen Jugendarbeit etabliert hat?
Wandel der Jugendarbeit in Japan
In Japan war über lange Zeit die Gruppenarbeit die einzige anerkannte Methode der außerschulischen Jugendarbeit. Jugendeinrichtungen durften dabei ausschließlich von Gruppen genutzt werden – nicht von Einzelpersonen. Während in Deutschland und anderen westlichen Ländern die Gruppe vor allem als Mittel zur individuellen Entwicklung verstanden wurde, lag in Japan der Fokus auf dem Wachstum der Gruppe, von dem das Individuum letztlich profitieren sollte (siehe Tanaka, 2021). Als dieses Konzept der Jugendarbeit stagnierte und sich die Bedarfe änderten, entstand mit der staatlich initiierten und unterstützten Schaffung verschiedener Ibasho ein neuer Ansatz, der eigentlich aus dem formalen Bildungsbereich stammt. Angesichts des steigenden Schulabsentismus gründeten in den 1980er-Jahren engagierte Einzelpersonen sogenannte „free schools”, um dieser Thematik zu begegnen. Diese Einrichtungen sollten Kindern und Jugendlichen jenseits des schulischen Umfelds, welches ihnen zum Beispiel wegen herrschenden Leistungsdrucks oder Mobbingerfahrungen kein Ibasho bieten konnte, die Möglichkeit zur Teilhabe
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an der Gesellschaft ermöglichen. Ein modernes Beispiel haben wir mit der WING SCHOOL in Kumamoto besucht, wo flexible Regeln und freiwillige Teilnahme am Unterricht auch denjenigen Kindern und Jugendlichen ein Ibasho bieten wollen, die mit den starren Strukturen und/oder dem sozialen Druck an Regelschulen Schwierigkeiten haben. Da die Anwesenheit in einer „free school“ mit dem Besuch einer Regelschule gleichgesetzt wird, muss folglich Schulabstinenz nicht zwingend zu einer gescheiterten Bildungsbiografie führen. Auch in der außerschulischen Arbeit wurde das Konzept der Ibasho übertragen, zunächst an Modellorten wie dem Tokyo Metropolitan Youth Center. So genannte „Lobbyarbeit” (als Lobby werden die Aufenthaltsbereiche in Jugendeinrichtungen bezeichnet) bot Jugendlichen einen Raum, um auch ohne Anbindung an eine Gruppe Beratung, Kontakt oder Austausch über jugendkulturelle Themen wahrnehmen zu können (siehe Tanaka, 2021). Laut Herrn Oyama hat die japanische Regierung einen Zusammenhang zwischen dem Fehlen von Ibasho und Problemen wie Einsamkeit und sozialer Isolation erkannt: Die Zunahme von Beratungsfällen zu Kindesmisshandlung, Schulabsentismus und Suiziden zeigt, dass das soziale Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, zunehmend schwieriger wird. Durch die abnehmende Verbundenheit innerhalb des sozialen Umfelds sei es zunehmend schwerer, Kinder in der lokalen Umgebung zu fördern.
Staatliche Förderung von Ibasho in der Jugendarbeit
Laut „Amt für Kinder und Familien“ (Children and Families Agency, kurz CFA (2022)) hat das japanische Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (kurz MEXT) durch die Verabschiedung des neuen Kindergrundgesetzes im April 2023 verschiedene Maßnahmen entwickelt und einen Paradigmenwechsel eingeleitet: Ausdrückliches Ziel ist die Schaffung einer Gesellschaft, welche das individuelle und glückliche Aufwachsen aller Kinder und Jugendlichen ermöglicht. Grundlage hierfür ist zum Beispiel der Ansatz, weniger Leistungs- und Anpassungsorientierung zu verfolgen und stattdessen die Entwicklung eigenständiger Persönlichkeiten stärker zu fördern. Infolgedessen befindet sich auch die Jugendarbeit in einem Veränderungsprozess. Zum ersten Mal werden Kinder in Japan ausdrücklich als eigenständige Rechtssubjekte anerkannt, deren Wohlergehen, Bildung, Schutz und Beteiligung gesetzlich gesichert werden müssen. In diesem Zusammenhang wurden kinder- und jugendrelevante Maßnahmen zur Erreichung der o. g. Ziele eingeleitet. Unter anderem die nachhaltige Schaffung von Ibasho, weil dieses Konzept die praktische Umsetzung der Prinzipien ermöglicht. Ein erster Schwerpunkt liegt in der Unterstützung bei der Erhebung und Analyse der tatsächlichen Situation. Weiterhin geht es darum, die Anzahl und Vielfalt von Ibasho entsprechend den Bedarfen von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen sowie ihre Gestaltung angesichts sich wandelnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen kontinuierlich zu überprüfen und anzupassen. Darüber hinaus fördert das Ministerium Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungsaktivitäten, damit Kinder und Jugendliche über vorhandene Angebote informiert werden und leichter Zugang zu einem Ibasho finden können. Und mit der, im Zuge der Etablierung des Kindergrundgesetzes, ebenfalls durch MEXT gegründeten „Amt für Kinder und Familien“ (Children and Families Agency, kurz CFA) gibt es erstmals eine zentrale Regierungsbehörde, welche auch für die Entwicklung und Qualitätssicherung von Ibasho zuständig ist. Sind vorher Ibasho regional und punktuell entstanden, eröffnet dies Möglichkeiten, sie strategisch und landesweit auszubauen. Die Aufgaben der „CFA“ bei der Gestaltung der Ibasho bestehen darin, diese zu vergrößern, zu vervielfältigen, zu verknüpfen, zu verbessern und zu überprüfen. Die besondere Gewichtung, welche dem Amt beigemessen wird, lässt sich auch noch daran erkennen, dass sie direkt der Regierung unterstellt ist und im Kabinett des Premierministers arbeitet. Schließlich setzt das Ministerium auf die Initiierung von Modellprojekten, welche – ähnlich wie in Deutschland – eine hohe Strahlkraft entfalten und als Vorbilder für andere Institutionen oder Regionen dienen können. Auf diese Weise sollen mehr Kinder und Jugendliche Ibasho für sich finden.
Die drei Elemente eines Ibasho
Laut Tanaka (2021) hat ein Ibasho drei Dimensionen: Der Raum (basho), die Zeit (im Sinne einer Zukunftsperspektive oder eines Entwicklungspotenzials) und die Beziehung.
Räumliche Dimension : Meist sind das eigene Zuhause und die Schule Räume, in denen sich japanische Jugendliche aufhalten. Finden sie dort für sich kein Ibasho, braucht es ergänzende Angebote. Eine wichtige Erkenntnis war, dass ein Ibasho nicht zwingend ein physischer Ort sein muss. In seinem Vortrag verwies Herr Oyama explizit auf den Cyberspace als potenziellen Ibasho und betonte,
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dass soziale Netzwerke und Online-Spiele bereits neue Formen von Ibasho darstellen und technologische Entwicklungen auch künftig weitere solcher Räume hervorbringen können.
Zeitliche Dimension : Ein Ibasho gibt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, im Moment zu verweilen – ohne Leistungsdruck und ohne Anpassungszwang durch die Außenwelt. Dies schafft Zeitfenster, in denen sie ihre Identität ausprobieren können. Dennoch hat ein Ibasho laut Definition zwingend auch eine Entwicklungsperspektive: Es geht nicht nur um Sicherheit im Augenblick, sondern um die Möglichkeit, Pläne zu machen, Selbstwirksamkeit zu erleben und ein Gefühl für die eigene Zukunft zu entwickeln. Zeit meint also auch die Erfahrung von Wachstum, Veränderung und Empowerment. Ein Ibasho wirkt somit idealerweise nachhaltig auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Beziehungsdimension : Uji (2025) schildert in einer Studie, dass es auch wichtig sein kann, einen „personal ibasho“ zu haben, also einen Ort des Rückzugs. Allerdings erfüllt der „social ibasho“, also ein Ort des Kontakts zu anderen Jugendlichen oder Erwachsenen, eine wichtige Funktion für die mentale Gesundheit. Jugendliche sind nicht nur Empfänger*innen von Unterstützung, sondern können selbst Gestalter*innen und Peer-Betreuer*innen werden. Auch für Fachkräfte, Ehrenamtliche oder Eltern entsteht durch die Beziehungserfahrung Zugehörigkeit – ein Ibasho ist also für beide Seiten bedeutsam und kann sich somit nachhaltig und positiv auf den kompletten Sozialraum auswirken.Ein Ibasho besteht allerdings nur dann, wenn sich Kinder und Jugendliche in einer Beziehung nicht bedroht, abgelehnt oder bewertet fühlen. In einem Vortrag wurde uns sogar die Konfliktfreiheit als notwendige Bedingung für das Vorhandensein eines Ibasho genannt.
Beispiele
Herr Oyama nannte uns beispielhafte Konzepte, die sich mittlerweile als Best-Practice-Beispiele etabliert hätten:
Playparks , die deutschen Abenteuer- oder Aktivspielplätzen ähneln, eröffnen Räume für selbstbestimmtes und gemeinschaftsorientiertes Spielen. Durch die Mehrfachnutzung bestehender Gebäude werden hierbei Ressourcen effizient eingesetzt und flexibel für unterschiedliche Zielgruppen geöffnet. Ein besonderes Beispiel, welches wir im Rahmen unseres Austauschprogramms besuchen konnten, stellt der Kawasaki City „Kodomo Yumepark“ (wörtlich übersetzt „Kindertraumpark“) dar. Bereits im Jahr 2003 von der Kommune Kawasaki im Rahmen der Bemühung um eine Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention eröffnet, gilt er wegen seiner erfolgreichen Ansätze in diesem Bereich international als Vorzeigeprojekt. Die Finanzierung der Einrichtung erfolgt über die örtliche Kommune.
Abbildung 4: Kodomo Yumepark
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Als offener Treff für Kinder und Jugendliche ist der Yumepark von seiner konzeptionellen Ausrichtung sowohl inklusiv als auch partizipativ ausgelegt; die Ausgestaltung sowohl von Programm oder gemeinsamen Angeboten als auch des weitläufigen Außengeländes erfolgt nicht ohne die Besuchenden, und als gelebter Ibasho werden Kinder und Jugendliche vom dortigen Team so angenommen, wie sie sind. Zusätzlich zu den freizeitpädagogischen Aspekten, welche in dem ausladenden, multifunktional nutzbaren Gebäudetrakt sowie dem Freigelände ihren Raum finden, werden im speziellen Bereich „Free Space EN“ des Yumepark schulabsenten jungen Menschen verschiedene Hilfestellungen gewährt, von der Lernförderung, über die Bereitstellung kostengünstiger Mahlzeiten bis hin zu alltagsunterstützenden Maßnahmen. Hier werden für Kinder und Jugendliche Lernaktivitäten entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen und somit wichtige Schritte zur gesellschaftlichen Teilhabe geschaffen. Kinderkantinen (kodomo shokudō) fungieren als niedrigschwellige, oft spendenbasierte Begegnungsorte, die nicht nur der Ernährungssicherung dienen, sondern auch soziale Teilhabe ermöglichen. Es handelt sich häufig um Initiativen von freien Trägern, bei denen Freiwillige aus dem Sozialraum mit gespendeten oder von Spendengeldern gekauften Lebensmitteln Mahlzeiten zubereiten und anbieten. Anders als bei Angeboten der Tafel in Deutschland wird zur Vermeidung von Armuts-Stigmatisierung oftmals auf die Erbringung von Nachweisen der Bedürftigkeit verzichtet. Dies basiert auf der Erfahrung, dass einige Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern das Essen nicht wahrnehmen würden, aus Scham, sich als arm „auszuweisen“. Die besonderen Orte sind besonders für diejenigen Kinder relevant, die keinen regelmäßigen Zugang zu warmen Mahlzeiten haben, und schaffen ein kollektives Gefühl von Versorgung und Gemeinschaft, da neben der Essensausgabe beispielsweise auch Lernmöglichkeiten oder sogar Mehrgenerationentreffpunkte angeboten werden können. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass bei weitergehender pädagogischer Unterstützung ein vereinfachter Zugang zu weiteren, bereits bestehenden Angeboten geschaffen werden konnte.
Ibasho und gesellschaftliche Teilhabe
In der internationalen Diskussion um Partizipation und Empowerment wird betont, dass Orte der Zugehörigkeit nicht durch feste Strukturen, sondern durch Offenheit und Veränderbarkeit geprägt sein sollen (siehe Herriger, 2020). Gleiches trifft auch auf das japanische Konzept „Ibasho“ zu: Wie wir von Herrn Oyama erfahren haben, kann ein Ibasho je nach Zweck einen unterschiedlichen Charakter annehmen. Seine nachhaltige Verankerung setzt zudem eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Lebenswelten junger Menschen und stetige Anpassung des Ortes voraus. Die besondere Wertigkeit eines solchen „Seinsorts“ entsteht gerade dadurch, dass er nicht von Erwachsenen „vorgegeben“, sondern gemeinsam mit den besuchenden Kindern und Jugendlichen gestaltet wird. Pädagogische Fachkräfte haben hierbei die Aufgabe, zunächst aufmerksam zuzuhören, Bedürfnisse wahrzunehmen, auch nonverbale Signale zu berücksichtigen und daraus offene Räume zu entwickeln – anstatt eigene Vorstellungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, Räume für Pausen, Ambivalenzen und Zurückhaltung zuzulassen, während gleichzeitig Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden. Hier zeigt sich eine Nähe zum Empowerment-Konzept (siehe Herriger, 2020), welches darauf abzielt, Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, indem sie ihre eigenen Ressourcen und Ausdrucksformen entwickeln können.
Was können wir nach Deutschland mitnehmen?
Zusammenfassend lässt sich sagen: Jedes Ibasho ist einzigartig. Es bildet sich im Zusammenspiel von Raum, Zeit und in Beziehung von Kindern, Jugendlichen und Fachkräften und lebt von der wechselseitigen Entwicklung. Die pädagogische Begleitung erfüllt dabei eine doppelte Funktion: Einerseits unterstützt sie junge Menschen darin, zu erkennen, was Ibasho für sie bedeutet und wo sie solche Orte finden können. Andererseits stärkt sie die Fähigkeit zur Selbstpositionierung von Heranwachsenden im Sozialraum – ein Kernelement von Empowerment. So unterschiedlich die Sprache in Deutschland und Japan auch sein mögen, so ähnlich sind die Herausforderungslagen zur Schaffung von gesellschaftlicher Teilhabe junger Menschen. Viele Aspekte von Ibasho spielen auch in der deutschen Jugendarbeit eine wichtige Rolle – nur eben mit anderer Bezeichnung. Doch der spannende Perspektivwechsel hat unserer Gruppe wertvolle Anregungen gegeben, die eigene Angebotsstruktur neu zu denken. Vor unserer Studienreise unterlagen wir der fixen Idee, ein Ibasho wäre das japanische Pendant einer Einrichtung der deutschen Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Wie viel diffuser und vielschichtiger das Verständnis des Konzepts „Ibasho“ ist, wurde uns erst durch die verschiedenen Einrichtungsbesuche, Kontakte und Gespräche vor Ort bewusst. So ähnlich das Grundgefühl und der Grundgedanke hinter Ibasho sind, so unterschiedlich sind die individuellen Ansprüche an solche Seinsorte. So haben wir im Verlauf
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des Austauschs unterschiedliche Konzepte von Ibasho gesehen, welche zum Beispiel hiesigen Abenteuerspielplätzen oder Jugendzentren ähneln. Aber auch solche, die in Form einer „free school“ schulabsente Kinder und Jugendliche als Kernzielgruppe haben.
Auch wenn wir uns im Rahmen des Fachkräfteaustauschs thematisch vor allem im Kontext der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit dem Thema „Ibasho“ beschäftigt haben, so ist dieses Bedürfnis nach Seinsorten nicht allein auf diese Gruppe und nicht auf ein Gemeinschaftserleben beschränkt. So lud ein Gastvater, Geschäftsmann und Familienvater, während des Gastfamilienaufenthaltes im Regionalprogramm ein, ihn an einen seiner persönlichen Seinsorte (abseits der Familie) zu begleiten. Dies war ein eindrucksvoller Aussichtspunkt auf dem Kraterrand in der Nähe von Kumamoto, den er regelmäßig mit dem Motorrad besucht (siehe Abbildung 5).
Abbildung 5: Landschaftsbild in der Präfektur Kumamoto
Offene Fragen und Diskussionsanreize
Für viel Diskussion innerhalb unserer Delegation hat die Definition von Ibasho als „konfliktfreiem Raum“ gesorgt, welche uns im Rahmen eines Vortrags begegnet ist. Während das Prinzip „Ibasho“ wesentlich durch die Abwesenheit zwischenmenschlicher Spannungen gekennzeichnet ist, versteht die deutsche Jugendarbeit Konflikte als unverzichtbaren Bestandteil pädagogischer Prozesse. In einer diversen Gesellschaft gelten Auseinandersetzungen um unterschiedliche Positionen als notwendiger Bestandteil demokratischer Aushandlung. Daraus ergibt sich die Frage, ob ein „Seinsort“ im Sinne des Ibasho überhaupt entstehen kann, wenn Konflikte systematisch vermieden werden – oder ob dies zur Unterordnung individueller Bedürfnisse unter die Harmonievorstellungen der Gruppe führt. Herausfordernd ist zudem die wachsende Diversität von Wertvorstellungen und Lebenslagen in einer pluralen Gesellschaft. Wird ein Ibasho nach den Vorstellungen einer spezifischen Gruppe gestaltet, besteht die Gefahr, dass andere Jugendliche exkludiert werden. Zwar sind Ibasho prinzipiell als „offen für alle“ angelegt, jedoch könnten vielleicht eher jene profitieren, die bereits über Ressourcen verfügen. Benachteiligte junge Menschen könnten dadurch leicht ausgeschlossen bleiben (siehe Maruyama, 2021). Erfahrungen aus der deutschen Jugendarbeit zeigen, dass Offenheit allein keine Inklusion garantiert. Vielmehr bedarf es gezielter pädagogischer Ansprache, sichtbarer Willkommenssignale, Barrierefreiheit und inklusiver Konzepte. Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die mögliche Aneignung des Ibasho-Konzepts durch Jugendliche mit antisozialen Werten. So können auch exklusive Räume mit hohen Zugangshürden, geteilten Feindbildern oder diskriminierenden Praktiken von den Beteiligten als Ibasho erlebt werden. Damit stellt sich die Frage, in welchem Maße pädagogische Fachkräfte Räume vorbereiten, strukturieren und begleiten sollten – und welche Grenzen Mitbestimmung haben sollte. Grundsätzlich stärkt das Ibasho-Konzept die Selbstwirksamkeit von Kindern und Jugendlichen, indem es Gestaltungsmacht in ihre Hände legt. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass auch Ibasho exkludierende Dynamiken reproduzieren können. Insbesondere stellt sich die Frage, wie Jugendliche unterstützt werden, die ihre Bedürfnisse nur schwer artikulieren können, und wie inoffizielle Hierarchien verhindert werden können, in denen dominante Stimmen den Ton angeben. Schließlich sind im deutschen Kontext Schutz- und Fürsorgepflichten zu berücksichtigen, etwa durch Schutzkonzepte zur Prävention sexualisierter Gewalt. Diese müssen gewährleistet sein, ohne den Freiraum, der das Ibasho konstituiert, übermäßig einzuschränken. Letztlich besteht die Frage: Ist das Ibasho-Konzept in der Jugendarbeit eine Utopie, die eigentlich nie erreicht werden kann? Das Ziel, welches Herr Oyama uns beim Vortrag genannt hat, ist es jedoch wert, es zu versuchen:
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„Eine Gesellschaft, in der alle mit Kindern gemeinsam lächeln können.“
Autoren:
Daniel Heinz , Dipl. Sozialpädagoge, MedienSpielPädagoge (MA), Fachbereichsleiter Games bei der Fachstelle für Jugendmedienkultur-NRW
Patrick Mendel , Sozialpädagoge (B.A.) & Erlebnispädagoge (IfEP) in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
Quellen:
CFA - Children and Families Agency (2022): Outline of the Act Establishing the Children and Families Agency - Act No. 75 of 2022. Online verfügbar unter: https://www.cfa.go.jp/assets/contents/node/basic_page/field_ref_resources/152d58ef-7a30-4e09-a374- 6632910850a0/20333e7b/20230113_en_act_905R402.pdf
Herriger, Norbert (2020): Empowerment in der Sozialen Arbeit, 7., erweiterte und aktualisierte Auflage (2024).
Hilger, Janna Mareike (2024): „Safe Space - Sorge und Kritik nach Michel Foucault und Eve Sedgwick“. Campus Verlag.
Maruyama, Hideki (2021): Special Issue: “Ibasho,” Youth Participation, and Education. Educational Studies in Japan. Online verfügbar unter: https://www.jstage.jst.go.jp/article/esjkyoiku/15/0/15_1/_article
Oyama, Hiroshi (2025): Vortrag & Präsentation „Initiativen zur Schaffung von Ibasho für alle jungen Menschen!”. NYC, Tokyo.
Tanaka, Haruhiko (2021): Development of the ibasho concept in Japanese education and youth work: Ibasho as a place of refuge and empowerment for excluded people. Online verfügbar unter: https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1324199.pdf
Uji, Masayo (2025): Exploring the Concept of Ibasho—A Place of Being—and Its Relationship to the Mental Health of Japanese Youth. Open Journal of Social Sciences, 13, 71-85. Online verfügbar unter: https://www.scirp.org/journal/paperinformation?paperid=138881
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Ein kleines Interview über die Studienreise in Japan & Ibasho
(Jule Lilo Knop)
Zwei Wochen in Japan: Wie war es?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die zwei Wochen waren für mich eine intensive Erfahrung. Die Vielzahl an verschiedenen Einrichtungsbesuchen und das straffe Programm waren eine echte Herausforderung. Jeder von uns hatte das Ziel, so viel wie möglich aufzunehmen und inhaltlich mitzunehmen, und das ist natürlich nicht ohne Energieaufwand zu schaffen. Es war durchweg eine interessante Reise, bei der jede neue Erfahrung eine neue Facette der japanischen Kultur und Arbeitsweise enthüllte.
Und was würdest du sagen, hast du am Ende fachlich mitnehmen können?
Eine der faszinierendsten Erkenntnisse war, dass es für bestimmte Phänomene spezifische Wörter gibt. Das finde ich unglaublich bemerkenswert. Sprache hat nicht nur Kraft, sondern auch Macht. Wenn es für ein bestimmtes Phänomen ein eigenes Wort gibt, erhält das Phänomen eine neue Dimension und Bedeutung. Es wird greifbar, und aus dem Unklaren wird plötzlich Klarheit. Diese Art von sprachlicher Präzision eröffnet ganz neue Perspektiven und Ausdrucksmöglichkeiten.
Hast du dafür ein Beispiel?
Im Japanischen gibt es eine Bezeichnung dafür, dass man sich in bestimmten Räumen wohlfühlt. Dabei ist der Raum nicht physisch gemeint, sondern im übertragenen Sinn - also dass du dich in einer bestimmten Umgebung wohlfühlst. In Japan spricht man von "Ibasho". Ibasho - ein Seinsort sozusagen. Ein Ort, an dem du so sein kannst, wie du bist, dich wohlfühlst und entspannen kannst.
Also ein Wellnesszentrum?
Nicht ganz. “Entspannung“ ist hier eher übertragend gemeint. Es geht darum, dass du dich in einem Raum oder einer Situation nicht unter Druck fühlst, etwas Bestimmtes erreichen oder erfüllen zu müssen. Es ist ein Zustand, in dem du ganz du selbst sein kannst, ohne Erwartungen oder Bewertungen von außen.
Ist dann bezogen aufs Fachliche ein Jugendzentrum ein sogenanntes Ibasho?
Ein Jugendzentrum kann definitiv für einen Jugendlichen ein Ibasho sein. Vielleicht ist es an einem bestimmten Tag ein Ort des Wohlfühlens, wenn die richtigen Betreuer*innen und Freund*innen anwesend sind. Das kann sich jedoch ständig ändern und hängt stark von individuellen Faktoren ab. Letztendlich ist es die persönliche Empfindung, die entscheidet, ob ein Ort zu einem Ibasho wird. Ich habe es so verstanden, dass alles ein Ibasho sein kann. In meiner Arbeit strebe ich aktiv danach, solche Räume zu schaffen, in denen Jugendliche sich entfalten und öffnen können. Räume, in denen sie sich sicher fühlen, ihre Meinungen zu äußern, ohne Angst vor Bewertungen zu haben. Sich gesehen und wertgeschätzt zu fühlen ist für junge Menschen – und eigentlich für alle Menschen – von zentraler Bedeutung. Ich denke, es ist wichtig, dass jeder Mensch mindestens einen Ibasho in seinem Leben haben sollte.
Das heißt, Ibasho sind sehr individuell unterschiedlich. Ist das richtig?
Absolut! Manche Menschen finden ihren Ibasho in der Natur, wo sie sich ganz mit sich selbst verbinden können. Für andere ist es vielleicht die Zeit mit der Familie oder Freund*innen, die ihnen dieses Gefühl gibt. Das Schöne ist, dass du dich nicht auf einen einzigen Ibasho beschränken musst – du kannst viele verschiedene Ibasho haben, die dir in unterschiedlichen Lebensphasen oder Situationen Freude und Geborgenheit bieten.
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Hast du ein Fazit? Mein Fazit, glaube ich, ist, dass ich durch ein Wort einer Idee nähergekommen bin. Der Idee, dass wir Menschen dabei unterstützen können, einen Ibasho zu finden. Wenn wir als Wegbegleiter*innen unterschiedliche Projekte und Angebote für junge Menschen schaffen, hoffe ich, dass jeder Mensch einen Ibasho findet. Vielleicht auch nur für einen bestimmten Zeitraum. Denn ist es nicht einfach nur ein schönes Gefühl, sein zu können, wie man ist?
„Ja, das ist es. Ibasho – was für ein schönes Wort und Konzept.“
Autorin:
Jule Knop , Pädagogische Fachkraft, Bereichsleitung Offene Jugendarbeit / Leitung Internationale Jugendarbeit
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Der digitale Ibasho – ein Raum für Teilhabe und Empowerment?
(Daniel Heinz, Patrick Mendel)
Kinder- und Jugendzeit ist Medienzeit und digitale Spiele gehören einfach dazu. Beide Autoren haben bereits in der Vergangenheit gemeinsame gamespädagogische Angebote in der Jugendarbeit initiiert, um Teilhabe und Empowerment junger Menschen zu fördern. Das Konzept „Ibasho“ hat uns dazu inspiriert, diese Angebote neu zu denken.
Dieser Artikel knüpft an den Beitrag zu „Ibasho” (siehe S. 5 ff.) an, schlägt eine Brücke zum vormaligen Thema des Studienprogramms „Das mediale Umfeld junger Menschen: Herausforderungen und Lösungsansätze” und überlegt, ob die Initiierung eines digitalen Ibasho in der (interkulturellen) Jugendarbeit gewinnbringend sein könnte.
Digitale Spielekultur
Sowohl in Japan als auch in Deutschland spielen Games und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen eine wichtige Rolle. Kein Wunder - Japan ist ein globaler Vorreiter in vielen technologischen Bereichen und hat eine reiche Tradition des Spielens, die sowohl analoge als auch digitale Formen umfasst. Japan hat den weltweit drittgrößten Games-Markt (siehe Bocksch, 2023). Branchen-Unternehmen wie Nintendo und Sony haben ihren Sitz im Land und Figuren wie Super Mario sowie Franchises wie Pokémon sind weltweit bekannte Kulturgüter. Bei vielen deutschen Jugendlichen sind sie aus der Lebenswelt kaum noch wegzudenken und Jugendkulturen wie Cosplay (jap. kosupure, Anglizismus für „costume play“, also das Verkleiden und Posieren als eine fiktive Figur) wurden auch hierzulande übernommen, wie auf der weltweit größten Messe für digitale Spiele „gamescom” alljährlich bestaunt werden kann.
Games gehören dazu!
Was wir vor dem Studienprogramm bereits erahnen konnten, hat sich vor Ort bestätigt: Japan besitzt eine ausgeprägte digitale Spielekultur. So zeigte sich in den Gastfamilien, wie wertvoll und verbindend gemeinsames Spielen ist – ob beim analogen Kartenspiel am Küchentisch, beim Mario-Kart- Rennen in einem riesigen japanischen Game- Center (siehe Abbildung 6) oder auf dem Sofa mit dem aus der westlich geprägten Medienkultur stammenden Minecraft, das offenbar auch in Japan populär zu sein scheint.
Abbildung 6: Gaming-Erlebnis mit der Gastfamilie (Foto: M. Kimura)
Identität und mediale Jugendkulturen
Japan ist oft ein Land der Gegensätze zwischen Tradition und Moderne. Jugendliche wachsen in einem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Konventionen und digital geprägten jugendkulturellen Bewegungen auf (siehe Scholz, 2023): „In einer postmodernen Welt verschmelzen moderne Medien, popkulturelle Trends und Tradition zu einem konvergenten Verständnis von
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Gesellschaft und Kultur.” Es gibt längst keine Normalbiografie mehr. Auch in Japan werden mittlerweile immer stärker alternative Lebensentwürfe toleriert und sogar stellenweise gefördert, wie wir während des Fachkräfteaustauschs erfahren haben.
Die Wirkung des gesellschaftlichen Wandels durch Prozesse wie Individualisierung und Globalisierung auf die Lebensphase „Jugend“ ist auch in Deutschland relevant (siehe Hitzler et al. 2010). Mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust traditioneller Sozialisationsagenturen wie Kirche oder Nachbarschaft suchen und finden Jugendliche vermehrt Orientierung in posttraditionalen Formen der Vergemeinschaftung, also in Jugendkulturen, die heute vielfach von digitalen Trends geprägt sind. Auch in digitalen Spielen suchen und finden sie Gleichgesinnte und gerade für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen oder mit Behinderungen erfüllen diese Spiel- und Erlebniswelten vielfältige Funktionen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Sie können niedrigschwelligen Kontakt zu Gleichgesinnten bieten, vorhandene Einschränkungen kompensieren sowie individuelle Erfahrungs- und Handlungsräume erweitern. Daher ist es eine zentrale Aufgabe der inklusiven Gesellschaft, allen Menschen Teilhabe an digitalen Medien zu ermöglichen.
Digitale Teilhabe in Deutschland
Wenn wir in Deutschland von digitaler Teilhabe sprechen, dann verstehen wir hierunter ein soziales und demokratisches Recht auf gleichberechtigten Zugang und partizipative Mitgestaltung. Und das betrifft auch die digitalen Spiele, was sich auch durch die Novellierung des Jugendschutzgesetzes (JuSchG) im Jahr 2021 offenbart. Stand vorher das Schutzziel im Vordergrund, folgte ein Paradigmenwechsel: Entsprechend den Grundsätzen der 25. Allgemeinen Bemerkung zur UN-Kinderrechtskonvention (2021) rücken nun neben dem Recht auf Schutz auch die Rechte auf Befähigung und Teilhabe in den Mittelpunkt. Kinder und Jugendliche haben somit das Recht, digitale Spiel- und Erfahrungswelten altersgerecht zu erkunden, und zudem das Recht, dabei geschützt zu werden. In Deutschland gibt es zahlreiche gamespädagogische Ansätze, die Teilhabe und Empowerment gezielt fördern. Beispiele sind der Spieleratgeber-NRW, bei dem Kinder und Jugendliche in pädagogisch betreuten Spieletest-Gruppen aktiv an der Beurteilung von Games für Erziehungsverantwortliche als Expert*innen beteiligt werden. Ebenso die inklusiven Gruppen der Initiative Gaming ohne Grenzen, in denen Heranwachsende digitale Spiele auf Barrieren untersuchen und Lösungen zur Überwindung dieser Barrieren nennen.
Digitale Teilhabe in Japan
Nach unserem begrenzten Einblick in die japanische Jugendarbeit und dem anregenden Austausch mit der japanischen Delegation erscheint die Förderung von digitaler Teilhabe in Japan eher technisch-pragmatisch orientiert und sich auf die Überwindung des digitalen Grabens (digital divide) durch Zugang zu Geräten, Internet und die Förderung von Basiskompetenzen (ICT) zu fokussieren. Diese Erkenntnisse decken sich auch mit Schilderungen aus den Dokumentationen der vergangenen deutsch-japanischen Studienprogramme zum Thema „Das mediale Umfeld junger Menschen: Herausforderungen und Lösungsansätze”. Laut Müller (2024) existiert in Japan kein mit Deutschland vergleichbares System der außerschulischen Medienarbeit, da Medienbildung hauptsächlich in der Schule stattfindet. Beim Einsatz von Medien im Bildungskontext liegt laut Scholz (2023) der Fokus eher auf der Verbesserung des Lernens und der Optimierung von Leistung, während kreative Ansätze und Potentiale zur Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. In den Einrichtungen der außerschulischen Bildung, die wir besucht haben, wurde viel Wert daraufgelegt, soziale Begegnung und Spielen im physischen Raum zu ermöglichen und den Erfahrungshorizont abseits des Bildschirms zu erweitern. Ansätze, bei denen digitale Medien im Allgemeinen und Games im Besonderen als Werkzeug zur Erreichung einer gleichberechtigten Teilhabe in der Gesellschaft und zum Empowerment aller jungen Menschen eingesetzt werden, wurden uns nicht präsentiert. Doch wie kommt es, dass Japan so eine reiche und traditionelle digitale Spielkultur besitzt, sie jedoch in der außerschulischen Jugendarbeit kaum zur Anwendung bringt?
Sorge vor Gaming Disorder und sozialer Isolation in Japan
Digitale Spiele werden in der japanischen Gesellschaft eher mit Ablenkungs- und Suchtpotenzial in Verbindung gebracht und weniger mit dem Nutzen für Empowerment und Teilhabe - so jedenfalls unser kleiner Einblick in die japanische Jugend(sozial)arbeit. Schon vor dem Fachkräfteaustausch war uns bewusst, dass Japan die missbräuchliche Nutzung von digitalen Spielen als gesellschaftliche Herausforderung wahrnimmt und sich in der World Health Organization (WHO) sehr stark für die Aufnahme des Krankheitsbildes „Gaming Disorder” in die 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (Diagnosemanual ICD 11)
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eingesetzt hat. Der klinische Begriff bezeichnet ein pathologisches Muster von Videospielnutzung (siehe Wartberg et al., 2024). Laut einer Studie aus dem Jahr 2021 liegt die Prävalenz von Gaming Disorder unter japanischen Jugendlichen im Alter von 10 bis 29 Jahren bei 5,1 %, wobei 7,6 % der Männer und 2,5 % der Frauen betroffen sind (siehe Zhou et al. 2024). In Gesprächen mit der japanischen Delegation wurde deutlich, dass außerschulische Jugendarbeit in Japan eher darauf abzielt, Kindern Alternativen zur Mediennutzung aufzuzeigen.
Hikikomori und digitale Räume
Hinzu kommt ein weiteres Problemfeld der japanischen Gesellschaft: Als „Hikikomori” wird ein Verhalten bezeichnet, bei dem sich Betroffene monatelang zurückziehen und kaum noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Der Begriff wird in Japan nicht zwingend als psychiatrische Diagnose verstanden, sondern als sozial-kulturell geprägtes Syndrom (Siehe hierzu den ausführlichen Artikel auf Seite 16 ff.). Exzessives Online-Gaming spielt im Zusammenhang mit Hikikomori eine ambivalente Rolle. Auf der einen Seite können Games den Rückzug verstärken, indem sie eine Flucht vor realen sozialen Kontakten ermöglichen. Auf der anderen Seite eröffnen diese digitalen Umgebungen neue soziale Chancen: Durch Interaktionen mit Gleichaltrigen in Peer-to-Peer-Strukturen können die Betroffenen soziale Fähigkeiten erproben, ein Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln und Identitätserfahrungen sammeln, die im analogen Alltag möglicherweise nur eingeschränkt zugänglich sind. Sehr angeregt hat uns ein Beispiel beim Besuch der NPO Sodateage-Net in Tokio, die sich für junge Menschen einsetzt, die Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden oder sich gesellschaftlich zurückgezogen haben. Hier erfuhren wir die Geschichte eines jungen Mannes, der die Oberschule abgebrochen hatte und als Langzeit-Hikikomori in seinen vier Wänden zurückgezogen lebte. In seiner Freizeit hatte er sich intrinsisch motiviert das Programmieren beigebracht. Durch eine Online-Berufshilfe konnte er in ein Praktikum und anschließend in eine Festanstellung in Telearbeit vermittelt werden. Er wurde somit in seinem „Ibasho” in den eigenen vier Wänden belassen und durch digitale Medien wurde ihm eine Teilhabe am Berufsleben ermöglicht. Dieser Erfolg mündete anschließend in die Gründung einer Online-Hilfe durch Sodateage-Net in Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen.
Der digitale Ibasho
In der Auseinandersetzung mit möglichen Synergien zwischen dem am Kinderrecht orientierten deutschen Verständnis von digitaler Teilhabe in der außerschulischen Medienbildung und den Ansätzen der Jugendarbeit in Japan entstand die Idee eines „digitalen Ibasho“. Dieser knüpft an die Überlegungen im Artikel auf Seite 5 ff. an und beschreibt einen „Seinsort“, an dem sich Jugendliche wohlfühlen, akzeptiert werden und durch aktive Mitgestaltungsmöglichkeiten Selbstwirksamkeit erleben können. Ein digitaler Ibasho entfaltet sich in drei bereits erwähnten Dimensionen: Raum, Zeit und Beziehung. Räumliche Dimension : Digitale Räume eröffnen besondere Chancen für die Teilhabe von Jugendlichen, die in traditionellen Angeboten der Jugendarbeit häufig nicht erreicht werden – so unsere Erfahrungen aus Deutschland. Während Präsenzangebote oft an feste Orte, Öffnungszeiten oder bestimmte soziale Milieus gebunden sind, könnten digitale Ibasho die Hürden erheblich senken: Sie sind jederzeit, von überall und mit vergleichsweise geringem technischem Aufwand zugänglich. Gerade jene jungen Menschen, die sich sozial zurückziehen, in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder aufgrund von Diskriminierungserfahrungen lokale Angebote meiden, können online einen Platz finden. Ein digitaler Ibasho würde ihnen die Möglichkeit bieten, im Schutzraum des Digitalen neue Erfahrungen zu sammeln. In dem Spielraum müssen die gesetzlichen Grundlagen beachtet werden: Neben Datenschutz auf den Begleitplattformen, Verbraucherschutz und Persönlichkeitsrechten gehört auch der Jugendschutz dazu. Sowohl in Deutschland als auch Japan gibt es gesetzlich bindende Alterskennzeichen zum Schutz von jungen Menschen bei der Nutzung von digitalen Spielen. Während in Deutschland die USK federführend dafür zuständig ist, wird dies in Japan von der Computer Entertainment Rating Organisation (CERO) übernommen. Zeitliche Dimension : Ein Online-Spielraum kann nur dann zum Ibasho werden, wenn Jugendliche eine Chance haben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und eine Zukunfts-Perspektive zu gestalten. Insbesondere mit pädagogischer Begleitung fordern (und fördern) Games zahlreiche Fähigkeiten und schon in der kindlichen Entwicklung sind Spielen und Lernen eng miteinander verbunden. Durch Gaming können Kinder und Jugendliche ihre kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten entwickeln, ihre Kreativität ausdrücken und ihre Selbstregulierung verbessern (siehe Spieleratgeber-NRW, Chancen).
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Durch positive Selbstwirksamkeitserlebnisse werden sie zudem gestärkt, sich auch im Alltag mehr einzubringen. Falls das Spielen von Games über einen längeren Zeitraum ausschließlich aus Motiven des Eskapismus funktional missbraucht wird, wie es bei der Gaming Disorder der Fall ist, kann der digitale Raum nach unserem Verständnis kein Ibasho sein. Deshalb ist es wichtig, diese zeitliche Dimension des digitalen Ibasho konzeptionell zu verankern. Beziehungsdimension : Digitale Spiele schaffen neue Möglichkeiten, soziale Bindungen zwischen Jugendlichen aufzubauen, die in klassischen Angeboten der Jugendarbeit kaum erreicht werden. Dazu gehören junge Menschen, die sich im analogen Umfeld isoliert fühlen, keine Gleichgesinnten finden oder aufgrund von Diskriminierung marginalisiert sind (z. B. LGBTQIA+, Jugendliche mit Behinderungen oder neurodiverse Jugendliche). Gerade für sie eröffnen digitale Räume die Chance, Gemeinschaft ohne Barrieren zu erleben, indem sie Kontakte zu Peers knüpfen, unabhängig von Wohnort oder sozialem Umfeld. Avatargestützte Räume ermöglichen es zudem, sich in neuen Rollen auszuprobieren, beispielsweise mit einem anderen Geschlecht oder einer alternativen Identität (siehe Spieleratgeber-NRW). Die relative Anonymität kann Hemmschwellen für die aktive Teilnahme in Gruppen senken. Damit entsteht ein sozialer Resonanzraum, in dem Jugendliche Anerkennung erfahren, sich selbst entfalten und Zugehörigkeit entwickeln können – auch wenn sie sich sonst aus Jugendangeboten zurückziehen oder fernbleiben. Damit diese Potenziale wirksam werden können, müssen digitale Ibasho bewusst als Safe Spaces gestaltet werden. Nur wenn Schutz vor Mobbing, Cybergrooming, Hate Speech und toxischem Verhalten gewährleistet ist, können sie ihrer Funktion als niedrigschwellige Zugangs- und Entwicklungsräume gerecht werden. Es kann allerdings schwierig sein, in Online-Räumen ein ähnliches Vertrauen und eine stabile Beziehung aufzubauen, wie es bei einer face-to-face-Begegnung möglich wäre. Ein digitaler Ibasho kann somit auch als „Eisbrecher” für eine sich später vertiefende Bindung im nicht-digitalen Raum genutzt werden.
Fazit
Der digitale Ibasho stellt für uns eine reizvolle Möglichkeit dar, die Teilhabe und das Empowerment von jungen Menschen zu fördern und unsere eigenen gamespädagogischen Angebote neu zu denken. Der digitale Ibasho kann für Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen ein Spiel- und Erlebnisraum sein, den sie selbst gestalten können, der sicher und niedrigschwellig zugänglich ist und Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung bietet. In einer globalisierten Gesellschaft kann ein solcher digitaler Ibasho zudem eine gewinnbringende und innovative Form internationaler Jugendbegegnung darstellen, beispielsweise auf einem Minecraft-Server, den sich Jugendliche länderübergreifend aneignen können. Praxiserfahrungen aus Projekten mit geflüchteten Jugendlichen in Deutschland zeigen, dass ein gemeinsames Spielen auch ohne eine geteilte Sprache funktionieren kann. Zudem besteht die reizvolle Möglichkeit, spielerisch Beziehungen durch geteilte Erlebnisse oder Verbundenheit durch ein gemeinsames Hobby zu entwickeln – und im Vergleich zu Flugreisen und Unterbringung ist dies sowohl kostensparend als auch umweltschonend. Auf diese Weise könnten beide Kulturen niedrigschwellig voneinander profitieren und die Jugendarbeit spielerisch weiterentwickeln.
Abbildung 7: In dem medienpädagogischen Projekt eSports Jugendliga (ESJL) bauen Jugendlichen in Minecraft Klötzchen für Klötzchen ihr Traumhaus. Vielleicht entsteht hier bald ein Ibasho im internationalen Zusammenspiel.
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