Ein kleines Interview über die Studienreise in Japan & Ibasho
(Jule Lilo Knop)
Zwei Wochen in Japan: Wie war es?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die zwei Wochen waren für mich eine intensive Erfahrung. Die Vielzahl an verschiedenen Einrichtungsbesuchen und das straffe Programm waren eine echte Herausforderung. Jeder von uns hatte das Ziel, so viel wie möglich aufzunehmen und inhaltlich mitzunehmen, und das ist natürlich nicht ohne Energieaufwand zu schaffen. Es war durchweg eine interessante Reise, bei der jede neue Erfahrung eine neue Facette der japanischen Kultur und Arbeitsweise enthüllte.
Und was würdest du sagen, hast du am Ende fachlich mitnehmen können?
Eine der faszinierendsten Erkenntnisse war, dass es für bestimmte Phänomene spezifische Wörter gibt. Das finde ich unglaublich bemerkenswert. Sprache hat nicht nur Kraft, sondern auch Macht. Wenn es für ein bestimmtes Phänomen ein eigenes Wort gibt, erhält das Phänomen eine neue Dimension und Bedeutung. Es wird greifbar, und aus dem Unklaren wird plötzlich Klarheit. Diese Art von sprachlicher Präzision eröffnet ganz neue Perspektiven und Ausdrucksmöglichkeiten.
Hast du dafür ein Beispiel?
Im Japanischen gibt es eine Bezeichnung dafür, dass man sich in bestimmten Räumen wohlfühlt. Dabei ist der Raum nicht physisch gemeint, sondern im übertragenen Sinn - also dass du dich in einer bestimmten Umgebung wohlfühlst. In Japan spricht man von "Ibasho". Ibasho - ein Seinsort sozusagen. Ein Ort, an dem du so sein kannst, wie du bist, dich wohlfühlst und entspannen kannst.
Also ein Wellnesszentrum?
Nicht ganz. “Entspannung“ ist hier eher übertragend gemeint. Es geht darum, dass du dich in einem Raum oder einer Situation nicht unter Druck fühlst, etwas Bestimmtes erreichen oder erfüllen zu müssen. Es ist ein Zustand, in dem du ganz du selbst sein kannst, ohne Erwartungen oder Bewertungen von außen.
Ist dann bezogen aufs Fachliche ein Jugendzentrum ein sogenanntes Ibasho?
Ein Jugendzentrum kann definitiv für einen Jugendlichen ein Ibasho sein. Vielleicht ist es an einem bestimmten Tag ein Ort des Wohlfühlens, wenn die richtigen Betreuer*innen und Freund*innen anwesend sind. Das kann sich jedoch ständig ändern und hängt stark von individuellen Faktoren ab. Letztendlich ist es die persönliche Empfindung, die entscheidet, ob ein Ort zu einem Ibasho wird. Ich habe es so verstanden, dass alles ein Ibasho sein kann. In meiner Arbeit strebe ich aktiv danach, solche Räume zu schaffen, in denen Jugendliche sich entfalten und öffnen können. Räume, in denen sie sich sicher fühlen, ihre Meinungen zu äußern, ohne Angst vor Bewertungen zu haben. Sich gesehen und wertgeschätzt zu fühlen ist für junge Menschen – und eigentlich für alle Menschen – von zentraler Bedeutung. Ich denke, es ist wichtig, dass jeder Mensch mindestens einen Ibasho in seinem Leben haben sollte.
Das heißt, Ibasho sind sehr individuell unterschiedlich. Ist das richtig?
Absolut! Manche Menschen finden ihren Ibasho in der Natur, wo sie sich ganz mit sich selbst verbinden können. Für andere ist es vielleicht die Zeit mit der Familie oder Freund*innen, die ihnen dieses Gefühl gibt. Das Schöne ist, dass du dich nicht auf einen einzigen Ibasho beschränken musst – du kannst viele verschiedene Ibasho haben, die dir in unterschiedlichen Lebensphasen oder Situationen Freude und Geborgenheit bieten.
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