Hikikomori im Fokus: Von Japan in die Welt
(Xenia Mayer)
Im Rahmen des Fachkräfteaustauschs hatten wir die Gelegenheit, verschiedene soziale Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe in Japan zu besuchen. In nahezu allen Einrichtungen kam dabei ein Phänomen immer wieder ins Gespräch, das die japanischen Fachkräfte als zentrale Herausforderung ihrer Arbeit beschrieben haben: Hikikomori. Damit ist ein Verhalten gemeint, bei dem Betroffene sich monatelang zurückziehen und kaum noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen (siehe Unger-Nübel, 2022). Der unmittelbare Austausch mit Fachkräften, die beinahe täglich mit Betroffenen arbeiten und für die Hikikomori längst zu einer greifbaren Realität gehört, hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Besonders eindrücklich war dabei die Erkenntnis, dass nicht nur Fachkräfte, sondern auch ein erheblicher Teil der japanischen Gesellschaft bereits direkte oder indirekte Berührungspunkte mit diesem Phänomen haben. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt und zugleich dazu angeregt, eigene Recherchen anzustellen. Nicht nur mit Blick auf Japan, sondern auch im internationalen Kontext, um zu verstehen, inwiefern soziale Isolation als globale oder auch als deutsche Herausforderung betrachtet werden kann.
Gesellschaftlicher Kontext in Japan
Japan gilt als hoch entwickelte und zugleich stark kollektivistisch geprägte Gesellschaft im ostasiatischen Raum. Doch auch in einem Land, das technologische Innovation, Kollektivismus und soziale Ordnung miteinander verbindet, treten neue gesellschaftliche Herausforderungen zutage. Moderne Gesellschaften sind häufig mit Problemen konfrontiert, die eng mit den Errungenschaften des Fortschritts verknüpft sind, allen voran mit der Digitalisierung und Globalisierung. Ein Phänomen, das dabei zunehmend in den Blick rückt, ist die wachsende Einsamkeit.
Abbildung 8: Stadtbild in Tokio
Obwohl die digitale Vernetzung Menschen heute in Sekundenschnelle über Kontinente hinweg miteinander verbindet, geht der direkte, zwischenmenschliche Kontakt paradoxerweise immer mehr verloren. So droht das, was auf technischer Ebene als Nähe erscheint, auf sozialer Ebene zu einer zunehmenden Distanzierung von Mitmenschen und Gesellschaft zu führen. Der Gegensatz zwischen kultureller und moderner globaler Vernetzung und individuellem Rückzug ist in Japan besonders sichtbar, unter anderem durch das Phänomen “Hikikomori”, bei dem sich Menschen aller Altersklassen über Monate oder Jahre hinweg weitgehend aus Bildung, Arbeit und gesellschaftlichem Leben zurückziehen. Während das Phänomen “Hikikomori” in Japan seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht und öffentlich diskutiert wird, gewinnen vergleichbare Fälle im internationalen Kontext (unter anderem auch in Deutschland) erst langsam Aufmerksamkeit. Im Jahr 2023 initiierten die Doktorandinnen Stelzig und Weidtmann an der HAW Hamburg ein Forschungsprojekt, das den sozialen Rückzug junger Menschen in Deutschland in den Blick nimmt, was die Relevanz des Themas hierzulande verdeutlicht.
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