Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

Hikikomori: Begriff und Erscheinungsbild

Seit den 1970er-Jahren beschreibt der Begriff “Hikikomori” in Japan Menschen, die sich über einen Zeitraum von mehr als sechs Monate hinweg von der Gesellschaft zurückziehen, ohne dass eine psychische Erkrankung im engeren Sinne vorliegt. Andere Krankheitsbilder wie Autismus oder Schizophrenie müssen ausgeschlossen werden. Hikikomori gilt daher nicht primär als psychische Störung, sondern wird vielmehr als psychosoziales Problem in der japanischen Gesellschaft verstanden (siehe Stelzig & Weidtmann, 2024).

Der Begriff “Hikikomori” setzt sich aus den japanischen Wörtern hiku („sich zurückziehen“) und komoru („sich einschließen“) zusammen (siehe Stelzig et al., 2025, S. 15).

Das Phänomen lässt sich als eine Mischung aus „seelischem Leid“ und „kulturgebundenem Syndrom“ einordnen (siehe Kato et al., 2016) (siehe Stelzig et al., 2025, S. 32). Die Selbstisolation erfolgt freiwillig und betrifft alle Generationen. Dabei werden soziale Kontakte weitgehend vermieden, Schule, Ausbildung und Arbeit nicht mehr besucht und der Kontakt beschränkt sich auf einzelne Familienmitglieder oder wenig verbliebene Freund*innen. Viele Betroffene flüchten sich in die virtuelle Welt: Computerspiele, soziale Netzwerke oder Internetnutzung, während andere ihre Zeit mit Lesen, Tagträumen oder Grübeln über die eigene Situation verbringen (siehe Stelzig et al., 2025, S. 15–17).

Ursachen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die Ursachen sind multikausal. Als Hauptfaktoren werden u. a. digitale Flucht aus der Realität, gesellschaftlicher Leistungsdruck, Schamgefühle und eine starke Abhängigkeit von den Eltern genannt (siehe Unger-Nübel, 2025), besonders die Familienbindung spielt eine große Rolle. Das Prinzip amae beschreibt im Japanischen eine emotionale Abhängigkeit zwischen Mutter und Kind. Diese starke Bindung erschwert oft die Entwicklung von Autonomie und Selbstständigkeit. Die Folge sind enge, aber ambivalente Beziehungen: Während eine tiefe emotionale Nähe entsteht, fehlt es gleichzeitig an Vertrauen in Gleichaltrige, an Konfliktfähigkeit und an konstruktiver Kritik (siehe Stelzig et al., 2025, S. 81 f.). Dies kann zu Misstrauen gegenüber anderen führen und soziale Rückzugsprozesse fördern. Verstärkt wird das Risiko zudem auch durch die Marginalisierung psychischer Erkrankungen in der japanischen Gesellschaft. Viele Betroffene verfügen über unzureichende Coping-Strategien, die zu erheblichen Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung führen. Häufig berichten sie von Mobbing und sozialer Ausgrenzung, die insbesondere dann auftreten, wenn schulische, universitäre oder berufliche Anpassungsleistungen der Gesellschaft nicht erfüllt werden (siehe Stelzig et al., 2025, S. 69 f.).

Sozialer Rückzug als Bewältigungsstrategie

Der hohe Druck auf die junge Generation in Japan verstärkt diese Dynamik: ein unsicherer Arbeitsmarkt, fehlende Arbeitsplätze, unbezahlbarer Wohnraum, die Belastung durch Pflege von Angehörigen und Care-Arbeit, die traditionell überwiegend Frauen übernehmen, sowie der demografische Wandel und mangelnde sozialpolitische Reformen. Dieses Zusammenspiel führt dazu, dass gesellschaftliche Probleme zunehmend individualisiert werden und den sozialen Rückzug begünstigen. Für zahlreiche Jugendliche stellt aber genau dieser soziale Rückzug eine individuelle Bewältigungsstrategie dar: das Zurückziehen aus den Sozialstrukturen erscheint als einzige Möglichkeit, den Anforderungen und Bewertungen der Gesellschaft zu entkommen und zugleich das gesellschaftliche Ideal von Harmonie zu wahren (siehe Stelzig et al., 2025, S. 69 f.). Zu Beginn empfinden viele Hikikomori die freiwillige Isolation als Erleichterung (siehe Stelzig et al. 2025, S. 69 f.), da sie einen Rückzugsraum und Schutz vor den gesellschaftlichen Anforderungen schafft. Mit der Zeit kann sie jedoch in eine Spirale der Einsamkeit führen. Einsamkeit ist wiederum nicht nur ein japanisches Problem, sondern stellt eine zunehmende Herausforderung moderner Gesellschaften insgesamt dar (siehe Noack Napoles & Noack, 2022, S. 17 f.). Sie ist eng verknüpft mit der sozialen Isolation, hervorgerufen durch Globalisierung, steigender Mobilität, der Verdrängung direkter Kommunikation durch digitale Austauschformen sowie individualisierungsbedingten sozialen Veränderungen (siehe Noack Napoles & Noack, 2022, S. 46).

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