Hikikomori im internationalen Vergleich
Lange wurde in der Forschung diskutiert, ob “Hikikomori” ausschließlich ein kulturgebundenes Phänomen darstellt oder auch auf westliche Gesellschaften übertragbar ist. Mittlerweile werden weltweit Fälle verzeichnet und das nicht nur in Japan, sondern auch in Südkorea, Spanien, Italien, den USA und Deutschland. Die Ursachen zeigen vergleichbare Muster: hoher Leistungsdruck, psychische Belastungen und daraus resultierende soziale Isolation (siehe Ziegler, 2025). Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Rückzug in westlichen Gesellschaften häufiger im Kontext einer psychischen Erkrankung auftritt. Stelzig und Weidmann sprechen hier von einem “sekundären Hikikomori” (siehe Stelzig et al., 2025, S. 101).
Sozialpsychologische Dimensionen
Das Phänomen “Hikikomori” ist demnach ein vielschichtiges sozialpsychologisches Geschehen, das sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Dimensionen umfasst. Ein unsicheres oder negatives Selbstkonzept kann die Tendenz zum Rückzug verstärken, während verzerrte soziale Kognitionen etwa die Angst vor negativer Bewertung oder ein tiefes Misstrauen dazu beitragen, das zurückziehende Verhalten zu begünstigen. Zugleich wirken gesellschaftliche Erwartungen und gruppenspezifische Normen als zusätzliche Belastungsfaktoren, die den Rückzug weiter verfestigen.
Implikationen für die Soziale Arbeit
Angesichts der zunehmenden globalen Verbreitung ähnlicher Fälle ist Hikikomori nicht als rein individuelles, sondern vielmehr als sozial bedingtes Phänomen zu verstehen.
Hikikomori sollte nicht vorrangig pathologisierend interpretiert werden, sondern vielmehr als transkulturelle Kategorie, die neue Perspektiven für das Verständnis sozialer Rückzugsprozesse eröffnet (siehe Stelzig & Weidtmann, 2024). Es steht in engem Zusammenhang mit strukturellen Einflüssen wie Leistungsdruck, Digitalisierung, schulischen Misserfolgen oder familiären Dynamiken (siehe Harthun-Kollbaum, 2024). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer differenzierten und praxisorientierten Analyse, insbesondere innerhalb der sozialpädagogischen Handlungsfelder. Zugleich muss die Internationale Soziale Arbeit handlungsorientiert ansetzen, denn sozialer Rückzug ist längst kein Randthema mehr, sondern eine globale Herausforderung.
Unstrittig ist, dass Menschen, die sich vollständig von der Gesellschaft zurückziehen, zu einer zentralen Zielgruppe der Internationalen Sozialen Arbeit gehören (siehe Nathschläger, 2023, S. 103). Sie steht hier vor der Aufgabe, Türen zu öffnen, Brücken zu bauen und Wege aus der Isolation zu gestalten, jenseits von Pathologisierung, hin zu echter Teilhabe.
Autorin:
Xenia Mayer , Pädagogische Fachkraft im Jugendmigrationsdienst
Quellen:
Decker, Oliver (2018): Sozialpsychologie und Sozialtheorie, Band 1: Zugänge. Springer-Verlag.
Harthun-Kollbaum, Christiane (2024): Hikikomori auch in Deutschland. Online verfügbar unter: https://eppendorfer.de/hikikomori-auch-in-deutschland/
Napoles Noack, Juliane & Noack, Michael (2022): Handbuch Soziale Arbeit und Einsamkeit. Beltz Verlag.
Nathschläger, Johannes (2023): Existenzielle soziale Arbeit. Verlag Julius Klinkhardt.
Stelzig, Sabina & Weidtmann, Katja (2024): Extremer sozialer Rückzug junger Menschen in ihre Familien. Standpunkt: Sozial, 34(1). Online verfügbar unter: https://journals.sub.uni-hamburg.de/hup3/spsoz/article/view/179
Stelzig, Sabina et al. (2025): Extremer sozialer Rückzug junger Menschen: Hikikomori in Deutschland? Springer-Verlag.
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