Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

im Rahmen einer Initiative (übersetzt als „Lebenslanges Lernen und Freizeitaktivitäten nach dem Schulabschluss“) eingerichtet wurden, werden die ehemaligen Schüler*innen zudem in verschiedenen Schwerpunktbereichen wie Sport, Kunst oder auch der Vorbereitung auf die „Prüfung in praktischer Geschäftskorrespondenz“ gefördert. Hierbei handelt es sich um eine in Japan anerkannte Zertifikatsprüfung, die unter anderem die Fähigkeit, formale Geschäftsunterlagen korrekt zu verfassen, testet. Diese Begleitung ist jedoch nicht in allen SNE-Schulen Japans Standard. Die Habataki-Förderschule stellt vielmehr ein modellhaftes Beispiel für vorbildliche Übergangsstrukturen dar. Laut Maebara & Yamaguchi (2025) existieren regional unterschiedliche Modelle, die sich an den verfügbaren Ressourcen und dem Engagement der Einrichtung orientieren. Zwar enthält das japanische Bildungssystem Prinzipien der „Career Guidance“, also einer strukturierten Berufs- und Studienorientierung, doch eine gesetzlich verpflichtende Übergangsstruktur über mehrere Jahre hinweg ist bisher nicht verankert (siehe MEXT 2023).

Warum Förderschulen in Japan eine Sekundarstufe II haben

Ein entscheidender Unterschied zum deutschen System liegt, wie bereits erwähnt, in der institutionellen Struktur. Japanische SNE- Schulen umfassen in vielen Fällen nicht nur die Grund- und Sekundarstufe I, sondern auch eine eigene Sekundarstufe II. Diese Ausgestaltung erfolgte durch eine Reform des japanischen Bildungsministeriums im Jahr 2007, die eine durchgängige Bildungsbiografie für Kinder und Jugendliche mit Behinderung anstrebt (siehe MEXT 2007, S. 72 f.). Ziel ist es, Förderbedarfe nicht nur im Pflichtschulalter, sondern bis zum Eintritt ins Berufsleben professionell begleiten zu können – auch im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe. In Deutschland hingegen sind Förderschulen auf die Sekundarstufe I begrenzt. Jugendliche mit Unterstützungsbedarf wechseln nach Klasse 9 oder 10 häufig in berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen oder spezielle Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). Der schulische Rahmen endet damit, während die schulische Verantwortung in Japan länger erhalten bleibt. Die Kombination aus Bildung, Berufsvorbereitung und sozialpädagogischer Begleitung innerhalb eines institutionellen Rahmens unterscheidet das japanische Modell grundlegend.

Berufliche Orientierung in Deutschland: Frühzeitig, praxisnah, aber mit Grenzen

Berufliche Orientierung in Deutschland ist grundsätzlich als ein frühzeitiger und praxisorientierter Prozess konzipiert, der Jugendliche durch vielfältige Angebote wie mehrwöchige Betriebspraktika in verschiedenen Berufsbereichen dabei unterstützt, ein realistisches Bild von der Arbeitswelt zu gewinnen (siehe KMK 2023, S. 2 ff.).

Für Jugendliche mit Behinderung stehen spezifische Unterstützungsprogramme zur Verfügung. Diese sind jedoch regional sehr unterschiedlich ausgestaltet und werden häufig nicht flächendeckend angeboten. Die Qualität und Umsetzung dieser Maßnahmen hängen dabei maßgeblich vom Wissen und Engagement einzelner Lehrkräfte ab, die als zentrale Bezugspersonen oft die ersten Ansprechpersonen für die Schüler*innen sind (siehe Martick et al. 2023, S. 176). Die Unterstützungsprogramme werden überwiegend von einzelnen Bundesländern, Kommunen oder verschiedenen Trägern wie Jugendhilfe, Arbeitsagenturen und Integrationsämtern verantwortet und sind in eine Vielzahl teils komplexer Förderrichtlinien eingebettet. Ein Beispiel für ein umfassendes und gut strukturiertes Unterstützungsprogramm in Deutschland ist „KAoA-STAR“ (Kein Abschluss ohne Anschluss - Schule trifft Arbeitswelt, eine Landesinitiative in Nordrhein-Westfalen). Ab Klasse 8 werden Jugendliche mit Behinderung gezielt in ihrer beruflichen Orientierung gefördert und beim Übergang in Ausbildung begleitet (siehe MAGS NRW, n. d.). Trotz solcher Programme bleibt eine institutionalisierte, mehrjährige Nachbegleitung, wie sie am Beispiel der Habataki- Förderschule zu sehen ist, in Deutschland bislang eher die Ausnahme. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche nach dem Ende der Pflichtschulzeit nicht direkt in Ausbildung oder Arbeit einmünden, sondern zunächst im sogenannten Übergangssystem verbleiben. Dieses umfasst berufsvorbereitende Maßnahmen oder schulische Angebote, die zwar Qualifizierung ermöglichen, aber den direkten Zugang zu regulären Ausbildungswegen oft verzögern (siehe Enggruber et al. 2021, S. 45 ff.).

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