Schulabsentismus und sozialer Rückzug
(Luzia Rieß)
Während unseres Programms in Japan sind uns viele unterschiedliche Aspekte der Kinder- und Jugendhilfe begegnet. Besonders eindrücklich und wiederkehrend sichtbar wurde für mich das Thema des Schulabsentismus. Immer wieder trafen wir auf Einrichtungen und Fachkräfte, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigten, die dem regulären Schulunterricht fernbleiben oder alternative Lern- und Betreuungsangebote nutzen. Diese Erfahrungen haben mein Interesse für das Phänomen vertieft, das auch in der internationalen Forschung eine wichtige Rolle spielt. Schulabsentismus ist kein einheitliches Erscheinungsbild, sondern umfasst unterschiedliche Formen der Abwesenheit von Schüler*innen in der Schule. Ebenso vielfältig sind die Ursachen und Erklärungsansätze, die sowohl individuelle als auch familiäre, schulische und gesellschaftliche Dimensionen betreffen.
In diesem Beitrag möchte ich daher den Blick auf Schulabsentismus richten: zunächst durch eine kurze wissenschaftliche Einordnung und anschließend durch die Reflexion meiner Beobachtungen in Japan. Ziel ist es, die gewonnenen Eindrücke mit theoretischem Wissen zu verknüpfen und damit ein differenziertes Verständnis dieses komplexen Themas zu entwickeln.
Schulabsentismus in Deutschland
Der Begriff „Schulabsentismus“ beschreibt das wiederholte und unrechtmäßige Fernbleiben vom Unterricht, das rechtlich als Verletzung der Schulpflicht gilt. In der wissenschaftlichen Diskussion wird er jedoch nicht als einheitliches Verhaltensmuster verstanden, sondern als Sammelbegriff für verschiedene Formen und Schweregrade schulbezogener Distanzierung (siehe Fischer, 2022, S. 448). Die Ursachen sind vielschichtig und umfassen individuelle, familiäre, schulische und soziale Faktoren. Auf individueller Ebene können psychische Belastungen wie Schul- und Leistungsängste oder psychosomatische Beschwerden dazu führen, dass Kinder und Jugendliche den Unterricht meiden. Auch Erfahrungen mit Mobbing oder belastende Beziehungen zu Lehrkräften können ausschlaggebend sein. Im familiären Umfeld wirkt Schulabsentismus etwa dann verstärkend, wenn Eltern das Fernbleiben stillschweigend tolerieren oder sogar aktiv unterstützen. Zudem tragen strukturelle Faktoren wie ein negatives Schulklima oder fehlende Förderung zu schulvermeidendem Verhalten bei (siehe Fischer, 2022, S. 448). In der Forschung lassen sich verschiedene Formen unterscheiden: Schulschwänzen beschreibt ein bewusstes Fernbleiben, das häufig mit dissozialem Verhalten verbunden ist und bei welchem Schüler*innen ihre Zeit mit attraktiveren außerhäuslichen Aktivitäten verbringen. Demgegenüber steht die angstbedingte Schulmeidung oder Schulverweigerung, bei der der Schulbesuch mit starken Ängsten und körperlichen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen einhergeht. Mischformen, in denen sowohl aversive als auch angstbedingte Motive zusammenwirken, sind ebenfalls verbreitet. Eine besondere Ausprägung stellt die innere Distanzierung bei gleichzeitiger Anwesenheit dar, beispielsweise in Form von Arbeitsverweigerung oder Unterrichtsstörungen. Allen Varianten ist gemeinsam, dass sie eine Distanzierung von der Institution Schule ausdrücken. Damit wird nicht nur die in Deutschland geltende Schulpflicht verletzt, sondern auch das gesellschaftlich tief verankerte Beschulungsnormativ herausgefordert, das regelmäßige schulische Präsenz als selbstverständlich voraussetzt. Schulabsentismus ist folglich nicht nur ein individuelles Problem, sondern eng mit gesellschaftlichen Erwartungen, sozialen Ungleichheiten und Stigmatisierungen verbunden (siehe Hertel, 2023, S. 74 f. / Fischer, 2022, S. 448 f.). Aktuelle Zahlen, wie beispielsweise die Daten aus der PISA-Studie 2022 zeigen, dass Schulabsentismus bei fünfzehnjährigen Schüler*innen in Deutschland in den letzten zehn Jahren zugenommen hat. Als wichtige Einflussfaktoren werden familiäre Unterstützung, die Beziehung zu Lehrkräften, Mobbing-Erfahrungen sowie individuelle Merkmale wie Stressresistenz, schulisches Selbstkonzept und Bildungsaspirationen genannt. Auch der sozioökonomische und soziokulturelle Kontext wirkt sich auf Fehlzeiten aus. Die Covid-19-Pandemie hat die Problematik verstärkt, da psychische Belastungen und Lernrückstände zugenommen haben (siehe Feldhaus, 2025, S. 781-783).
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