Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

Die Problematik des Schulabsentismus zeigt sich auch anhand der Gruppe der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss: 2021 beendeten etwa 6,2 % der Jugendlichen ihre Schulpflicht ohne Abschluss, wobei es deutliche regionale Unterschiede gab. Schulabsentismus begrenzt somit die Wirkung von Bildung, erhöht Entwicklungsrisiken und trägt zu sozialer Ungleichheit bei (siehe Klemm, 2023, S. 12f.).

Schulabsentismus in Japan

In Japan ist Schulabsentismus unter dem Begriff „futōkō“ bekannt und kann laut dem Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (kurz: MEXT) Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Gründen betreffen. Negative Auswirkungen durch lange Fehlzeiten werden nicht nur in Bezug auf Lernen und Wissenserwerb gesehen, sondern auch in der langfristigen Einschränkung von beruflichen Perspektiven. Häufig abwesende Schüler*innen tragen ein höheres Risiko für Schulabbrüche, prekäre Beschäftigung, Arbeitslosigkeit sowie gesundheitliche Probleme. Von futōkō spricht MEXT bei einer unentschuldigten Abwesenheit von mehr als 30 Tagen pro Jahr. Die Beschreibung von MEXT führt psychische, emotionale oder körperliche Gründe an, während krankheits- oder wirtschaftsbedingte Fehltage explizit ausgeschlossen sind (siehe Kreitz-Sandberg, 2019, S. 263-266). In sozialwissenschaftlichen Diskussionen in Japan wird Schulabsentismus eng mit sozialer Ungleichheit verknüpft, da Unterschiede in Einkommen, Bildung, Geschlecht, Generation oder Region die Wahrscheinlichkeit von wiederholtem Fernbleiben erhöhen. Kinder mit Fehlzeiten oder Lernrückständen würden dann später auf begrenzte Chancen auf dem Arbeitsmarkt stoßen. Studien zeigen, dass Armut, Migration und psychosoziale Belastungen wichtige Risikofaktoren darstellen. Um dem entgegenzuwirken, gewinnen alternative Schulformen und gezielte Unterstützungsangebote zunehmend an Bedeutung. Schulabsentismus ist damit ein komplexes Phänomen, das individuelle und gesellschaftliche Aspekte integriert und seit den 1990er Jahren kontinuierlich Forschungs- und Politikanliegen in Japan ist (siehe Kreitz-Sandberg, 2019, S. 263-266). In Japan zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen futōkō und dem Phänomen des extremen sozialen Rückzugs, bekannt als Hikikomori. Viele Jugendliche, die über längere Zeit die Schule meiden, laufen Gefahr, sich zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Schulabsentismus kann somit als frühes Warnsignal für einen möglichen späteren Rückzug dienen. Der Begriff Hikikomori beschreibt junge Menschen, die über Monate hinweg kaum das Zuhause verlassen, weder Schule noch Arbeit besuchen und soziale Kontakte weitgehend einstellen. Oft beginnt der Rückzug schleichend, sodass Familie oder Umfeld ihn zunächst nicht als ernstes Problem wahrnehmen. Die Gründe sind vielfältig: Lernschwierigkeiten, psychische Belastungen, traumatische Erfahrungen, familiäre Konflikte, aber auch gesellschaftlicher Druck und hohe Erwartungen tragen dazu bei. Je länger der Rückzug anhält, desto wahrscheinlicher entwickeln sich psychische Probleme wie Depressionen oder Angststörungen. So wird deutlich: Schulabsentismus ist nicht nur ein Bildungsproblem, sondern kann auch der Einstieg in tiefgreifende soziale Isolation sein, die langfristige Folgen für die Betroffenen hat. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass lediglich eine Korrelation zwischen futōkō und Hikikomori, nicht aber eine Kausalität nachgewiesen werden konnte (siehe Kreitz-Sandberg, 2019, S. 278-280).

Erfahrungen vor Ort

Unsere Reise in Japan führte uns an verschiedene Orte, an denen das Thema Schulabsentismus eine Rolle spielte. So lernten wir in Tokio die Einrichtung Sodateage kennen, eine Non-Profit-Organisation (kurz: NPO), welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge arbeitslose Menschen, schulabsente Jugendliche sowie Hikikomori zu unterstützen. Vor Ort bekamen wir die Räumlichkeiten gezeigt, die mich an meinen eigenen Arbeitsplatz, nämlich ein Jugendzentrum, erinnerten. Die Mitarbeitenden erzählten uns von ihrer Arbeit mit den Jugendlichen und wie die Angebote von NPO Sodateage Net angenommen werden. Deren Angebote umfassen 1. konkrete Jobtrainings bzw. berufliche Eingliederung für Jugendliche; 2. längerfristige Beschäftigungsunterstützung, sprich die bleibende Beratung und Unterstützung auch nach Aufnahme eines Berufs; 3. Beratung der Eltern oder Erziehungsberechtigten; 4. Hausbesuche für Jugendliche, welche der Gang in die Einrichtung überfordert; 5. individuell angepasste Unterstützung bei Besuchen der Einrichtung, welche sich auf psychische und physische Unterstützung bezieht.

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