Abbildung 12: Das Außengelände des Free Space Tamariba
Abbildung 13: Kaligraphie Workshop im Free Space Tamariba
Auch in der Präfektur Kumamoto bekamen wir die Möglichkeit, Orte für schulabsente Kinder und Jugendliche kennenzulernen. Zum Beispiel besuchten wir die freie Schule WING SCHOOL, die eine Alternativschule für die öffentliche Grund- und Mittelschule darstellt. Die von Schulleiter Yoshihiro Tagami gegründete Privatschule möchte in Abgrenzung zu öffentlichen Schulen die Stärken der Schüler*innen betonen und weniger Leistungsdruck ausüben. Sie baut auf die drei Grundpfeiler Kreativität, Intelligenz, Sensibilität auf, welche jedem Kind ein Gefühl von Geborgenheit geben soll. Zielgruppe sind schulabsente Kinder und Jugendliche, die in der Regelschule nicht zurechtkommen. Nach eigenen Recherchen auf der Internetseite der Schule, liegt die Eintrittsgebühr bei 110.000 Yen (bei aktuellem Wechselkurs ca. 640 €), der monatliche Beitrag für Schulgeld, Unterrichtsmaterialien, Verwaltungsgebühr und Mittagessen bei 69.300 Yen (bei aktuellem Wechselkurs ca. 405 €). Zwar gibt es die Möglichkeit für Schüler*innen, deren Familien für die Schulgebühren nicht aufkommen können, über eine Art Stipendium die Schulgebühren finanziert zu bekommen, dennoch wirft es die Frage auf, ob und inwieweit es sich von Armut betroffene Familien leisten können, ihr Kind auf eine solche Privatschule zu schicken. Trotz dieser hohen Schulgebühren ist die Existenz vieler Free Schools in Japan ungewiss. Diese schreiben nämlich oft rote Zahlen, da ihnen öffentliche Gelder nicht zur Verfügung stehen (siehe Kreitz-Sandberg, 2019, S. 284).
Fazit
Schulabsentismus ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das sowohl Deutschland als auch Japan vor große Herausforderungen stellt. Deutlich wird, dass es dabei zu kurz gegriffen ist, das Verhalten ausschließlich auf die Kinder und Jugendlichen selbst zurückzuführen. Vielmehr müssen gesellschaftliche Rahmenbedingungen, familiäre Belastungen und vor allem die Strukturen des Schulsystems in den Blick genommen werden. Meine Eindrücke in Japan haben gezeigt, dass das Thema dort eine hohe gesellschaftliche Präsenz besitzt und vielfältige Unterstützungsangebote entstehen, um jungen Menschen auch außerhalb des Regelschulsystems Perspektiven zu eröffnen. Besonders eindrücklich war zu erleben, wie wichtig Orte sind, an denen Jugendliche nicht durch Leistung definiert werden, sondern einfach Mensch sein dürfen. Wohlfühlorte und alternative Lernmöglichkeiten können dabei entscheidend sein, Rückzug zu verhindern und langfristig gesellschaftliche Teilhabe zu sichern – auch mit Blick auf das Risiko, dass Schulabsentismus in einem vollständigen sozialen Rückzug – Hikikomori – münden kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Angebote letztlich nur Symptome abfedern. Ein grundlegender Perspektivwechsel scheint notwendig: weg von einem einseitig leistungsorientierten Schulsystem, hin zu einem Bildungssystem, das Vielfalt zulässt, individuelle Bedürfnisse berücksichtigt und sozialen Ungleichheiten entgegenwirkt. Erst wenn Schule selbst zu einem Raum wird, in dem Kinder und Jugendliche sich wohlfühlen und entfalten können, wird es weniger notwendig sein, auf nachträgliche
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