Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

Gesellschaftliche Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen in Japan und alternative Ansätze

(Sewit Haileab)

Im Rahmen unseres Fachkräfteaustauschs hatten wir die Möglichkeit, die Jugendarbeit in Japan kennenzulernen. Wir besuchten sowohl klassische Institutionen wie Schulen und Jugendbildungsstätten, als auch Einrichtungen, die den derzeitigen Herausforderungen der japanischen Gesellschaft mit neuen Ansätzen entgegentreten. Einer dieser Orte war „Free Space Tamariba“ in Kawasaki. Interessant war es hierbei, den Kontrast von der Free Space Tamariba zu klassischen Einrichtungen in der japanischen Jugendhilfe zu verstehen.

Historische Entwicklung und zentrale Einrichtungsformen

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in Japan ein spezifisches System der Kinder- und Jugendförderung, das stark von amerikanischen Einflüssen während der Besatzungszeit geprägt wurde. Das Jugendwohlfahrtsgesetz von 1947 legte erste Grundlagen für institutionalisierte Jugendarbeit. In den folgenden Jahrzehnten entstanden verschiedene Einrichtungsformen. Diese umfassten folgende Bildungs- und Betreuungsangebote:

Jidōkan – Kinderhallen: Diese kommunal betriebenen Einrichtungen richten sich primär an Grundschulkinder und bieten nach der Schule einen betreuten Raum für Spiel, soziale Interaktion und non-formale Bildungsaktivitäten (siehe Website Jidōkanin Japan).

Kōminkan – Kommunale Bürgerzentren: Die kommunalen Bürgerzentren fungieren als multifunktionale Bildungs- und Kultureinrichtungen, die auch Angebote für Jugendliche vorhalten, jedoch nicht primär auf diese Zielgruppe ausgerichtet sind (siehe offizieller Flyer zu Kōminkan).

Bildungsdruck und akademische Überlastung

Das japanische Bildungssystem ist durch einen außergewöhnlich hohen Leistungsdruck gekennzeichnet. Die sogenannte „Prüfungshölle" (shiken jigoku) beginnt bereits im Grundschulalter. Ein erheblicher Anteil der Schüler*innen besucht nach dem regulären Schulunterricht private Nachhilfeschulen (Juku), um sich auf Aufnahmeprüfungen vorzubereiten. Diese Doppelbelastung führt zu extrem langen Arbeitstagen, die nicht selten 12 bis 14 Stunden umfassen. Die Selektion für weiterführende Schulen und Universitäten erfolgt durch standardisierte Prüfungen, die als lebensbestimmend wahrgenommen werden. Der Zugang zu prestigeträchtigen Universitäten gilt als entscheidender Faktor für beruflichen Erfolg und sozialen Status. Dieser immense Druck manifestiert sich in Schlafmangel, chronischer Erschöpfung und psychosomatischen Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen. Phänomene wie Schulverweigerung, sozialer Rückzug (Hikikomori) und Mobbing sind wachsende Herausforderungen, denen sich die Jugendhilfe in Japan widmen muss. Auch steht Japan, ebenso wie Deutschland, vor der Herausforderung einer wachsenden sozialen Ungleichheit, die sich auch in der Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen abbildet. Hierzu haben wir einige sehr interessante Einrichtungen besucht, die versuchen, mit neuen Modellen den Herausforderungen entgegenzutreten (siehe Ziegler, 2025).

Die Kawasaki-Kinderrechte-Verordnung als Grundlage

Ein Besuch während unseres Fachkräfteaustauschs führte uns nach Kawasaki. Das war eine der Einrichtungen, die uns die Gelegenheit bot, einen innovativen Praxisansatz kennenzulernen – das Free Space Tamariba, das als wegweisendes Modell alternativer Bildungs- und Betreuungsarbeit gilt.

Was Kawasaki besonders macht: Hier sind die UN-Kinderrechte nicht nur schöne Worte auf dem Papier. Seit über 30 Jahren investiert die Stadt erhebliche Mittel in die Umsetzung der Kawasaki-Kinderrechte-Verordnung. Diese Verordnung ist bemerkenswert konkret

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