Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

Dies macht deutlich, dass eine erhöhte Sensibilität gegenüber der eingesetzten Sprache ein essenzieller Teil auf dem Weg zu gelingender Inklusion und Empowerment für alle ist und eben nicht nur etwas mit Personen mit (sichtbaren) Behinderungen zu tun hat.

Das Konzept der Leichten und Einfachen Sprache im deutschen Diskurs

Die Idee, Leichte Sprache mit einem klaren Regelwerk und damit für alle adaptierbaren Rahmen zu versehen, führte ab den 1990er Jahren zu einer Professionalisierung und Festigung des Konzeptes im europäischen Raum – vor allem in Schweden und Deutschland. Gesetzliche Neuerungen, wie die 2009 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) stellten dabei wichtige Weichen, um diese Entwicklungen zu beschleunigen und rechtlich zu legitimieren. Mittlerweile gibt es eine DIN-Norm dafür (DIN ISO 24495) und das Netzwerk Leichte Sprache e. V. wacht über die Standards der Leichten Sprache und dessen erforderliche Zertifizierung. Nur Texte, die von ausgebildeten Personen mit Lernschwierigkeiten geprüft und für verständlich erklärt wurden, dürfen das Siegel „Leichte Sprache” tragen. Parallel dazu hat sich das Konzept der “Einfachen Sprache” entwickelt, die sich lose an dem der Leichten Sprache orientiert, aber keinen festen Regel-Kanon besitzt. Der Anspruch der Einfachen Sprache ist es, Texte möglichst unkompliziert und intuitiv zu vereinfachen, ohne Inhalte zu verlieren. Damit werden die oben genannten Kollateral-Profiteure zur Haupt-Zielgruppe der Einfachen Sprache. Kognitiv eingeschränkte Personen, sind hier jedoch eher benachteiligt. Welche Mindeststandards sich Leichte und Einfache Sprache regeltechnisch gesetzt haben, ist in der folgenden Tabelle exemplarisch zusammengefasst (siehe Inklusiv):

Leichte Sprache

Einfache Sprache

Strukturierung

jeder Satz in eigener Zeile; eher Aufzählungen, große Schrift

viele Absätze mit Zwischenüberschriften, kürzere Sätze, klare Gliederung

Schriftarten

serifenlose Schriftarten

gut lesbare Schriftarten

Grammatik / Ausdruck

nur ein Sachverhalt pro Satz; keine Nebensätze; Verneinungen vermeiden keine Fremdwörter; Fachwörter und Abkürzungen werden immer erklärt; große Zahlen werden beschrieben; Lange Wörter werden getrennt

möglichst nur ein Sachverhalt pro Satz; wenig Nebensätze wenig Fremdwörter; vor allem Einsatz von alltagsgebräuchlichen Wörtern

Wortwahl

Bebilderung

vorrangig mit simplifizierten Zeichnungen

möglichst mit Illustrationen/Fotos

Inhalt

vereinfacht

gut aufbereitet

Besonderheiten

festes Regelwerk; Texte müssen geprüft werden; Inhalte können verloren gehen

folgt nur Empfehlungen; nicht geeignet für Menschen mit geistigen Behinderungen

Aus der Übersicht zeigt sich bereits, dass es sich nicht pauschal beantworten lässt, ob Leichte oder Einfache Sprache für die pädagogische Praxis besser geeignet ist. Dafür gibt es zu viele Faktoren zu berücksichtigen, wie z. B., ob es eher einen Bedarf gibt, die geschriebene oder die gesprochene Sprache anzupassen, wie viele Ressourcen (Geld und insbesondere Zeit) für die Anpassungen zur Verfügung stehen und vor allem, welche Zielgruppe die Angebote haben. Möchte sich ein Träger beispielsweise mit seinem Internetauftritt sowohl an Fachpersonen wie auch Eltern wenden, würde es sich lohnen, die Texte in schwerer/akademischer wie auch in Leichter Sprache zur Verfügung zu stellen. Im Fachdiskurs wären Texte in Leichter Sprache unzureichend, da nicht alle Inhalte damit adäquat vermittelt werden könnten – ein ergänzender Text in Leichter Sprache kann aber beim überblickshaften Erfassen des Inhalts helfen. Hat ein Jugendclub auf der anderen Seite wiederum vor allem Besucher*innen mit Deutsch als Fremdsprache, dann würde der Einsatz von Einfacher Sprache in den Unterhaltungen (also langsamer, betont, kurze Sätze, einfache Wörter) tendenziell eher beim Spracherwerb helfen als Leichte Sprache. Ergänzend könnten hier aber Beschriftungen im Gebäude in Leichter Sprache zusammen mit Piktogrammen sinnvoll sein. Die Komplexität der deutschen Sprache mit ihrer Neigung zu langen Wörtern und Sätzen macht es jedoch immer lohnend, über eine Anpassung nachzudenken.

36

Made with FlippingBook - Online catalogs