Diese drei Faktoren rufen andere Erfordernisse in puncto Zugänglichkeit für Lernende und Besucher*innen hervor als für das Deutsche. Die deutsche Sprache ist relativ leicht zu verstehen, dafür schwer zu produzieren – im Japanischen ist es tendenziell andersherum. Eine Vereinfachung der Schriftsprache (z.B. Trennung langer Wörter) ist daher im Deutschen effektiver, während im Japanischen die Komplexitätsreduzierung im Gesprochenen größere Wirkung verspricht. Entsprechend gibt es ein Konzept wie die Leichte Sprache im Japanischen in der Form nicht. Auch wenn Japan die UN- Behindertenkonvention ebenfalls ratifiziert hat, wurde dies laut diversen Berichten während unseres Studienprogramms kaum in für die Präfekturen bindendes Recht überführt. Die Notwendigkeit für Vereinfachungen in der Sprache ergibt sich eher aus den konkreten Bedarfen der Mehrheitsgesellschaft in Japan. Menschen mit Behinderungen sind zum überwiegenden Teil in Sondersystemen gebunden und haben daher nur verhältnismäßig wenig Möglichkeiten, Anforderungen an Teilhabe in der Gesellschaft zu stellen. Dennoch ist vereinfachte Sprache in Japan durchaus wahrnehmbar – meist gestaltet für die Zielgruppe der Schüler*innen und Migrant*innen. Beide Gruppen sollen zügig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Der dahinterstehende Ansatz hat in Japan den festen Terminus „ やさしい日本語 “ ( ya·sa·shi·i ni·ho·n·go = einfaches Japanisch), wobei die Besonderheit des Japanischen, die starke Kontextbasiertheit, hier zum Vorteil gereicht: Das Wort „ やさしい “ kann sowohl einfach als auch höflich, nett oder freundlich bedeuten – je nachdem, was die Intention des/der Anwender*in ist - eine Verwendungsflexibilität, die der deutschen Sprache in diesem Fall deutlich überlegen ist, wie sich im letzten Abschnitt zeigen wird. Ein festes Konzept mit entsprechendem Regelwerk gibt es nicht, jedoch hat der Terminus „ やさしい日本語 “ seit dem schweren Hanshin-Erdbeben von 1995 einen festen Platz im Fachdiskurs bekommen und behalten. Damals wurde die Notwendigkeit von einfach erfassbaren Informationen in Krisensituationen vor allem für Ausländer*innen erkannt. Über die Jahre pädagogischer Praxis haben sich dadurch einige Muster in der Methodik herausgebildet. Diese lassen sich folgendermaßen zusammenfassen (siehe Tokyo Intercultural Portal Site): • Beschränkung auf einen Grundwortschatz, kurze Sätze, klare Strukturen • Kanji werden mit Furigana (Lesungshilfen) versehen oder durch Kana ersetzt • Komplexe Grammatik und Fachbegriffe werden vermieden oder erklärt • Fokus stark auf praktische Verständlichkeit im Alltag und Krisensituationen
Hierbei zeigt sich auf spannende Weise, dass trotz verschiedener Genese und Zielgruppen ähnliche Effekte eintreten: Eine erhöhte Nutzbarkeit der Sprache für eine größere Personengruppe als ursprünglich intendiert.
Wie Sprache das Denken formt
Die Beschäftigung mit anderen Kulturen und deren Herausforderungen führt stets zu einer Erweiterung des eigenen Erkenntnishorizonts und des Handlungsspielraums. Auch wenn die Antworten, die andere Fachkräfte auf uns unbekannte Herausforderungen gefunden haben, selten 1:1 im eigenen Kontext anwendbar sind, ermöglichen sie uns einen frischen und reflektierten Zugang zu den eigenen Ansätzen. Im Fall der Beschäftigung mit vereinfachter Sprache kann die japanische Perspektive auf „freundliche“ Sprache in Kombination mit dem Regelwerk der Leichten und Einfachen Sprache im Deutschen neue Horizonte erschließen. Der Einsatz niedrigschwelliger Sprache hat bereits jetzt die Hebelwirkung, das Denken eher auf das Wesentliche zu lenken und damit tendenziell leichter zu Entscheidungen zu kommen. Ein Wahlzettel in Leichter Sprache ermöglicht beispielsweise einer größeren Zahl von Menschen, sich im bürokratischen Prozedere zu orientieren – die Gruppe von Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist im Sinne der Teilhabe sogar darauf angewiesen. Das Schutzkonzept des eigenen Jugendvereins in einfacher Sprache auf die Webseite zu stellen, sorgt neben der erhöhten Zugänglichkeit auch dafür, dass sich die Verantwortlichen eher mit dem eigenen Konzept identifizieren können. Des Weiteren führt auch die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache bei vielen Zielgruppen zu einem stärkeren Gefühl der Sicherheit. Diese und viele weitere Beispiele machen einen Effekt offenkundig: Die sichtbare Beschäftigung mit dem Barrierenabbau im Bereich Sprache ist vor allem eine Einladung an die Menschen, die bislang von irgendeiner Art von Benachteiligung betroffen waren. Das enge Korsett der deutschen Konzepte von insbesondere Leichter Sprache sorgt allerdings dafür, dass sich nie alle potenziellen Zielgruppen davon mitnehmen lassen. Außerdem besteht das immanente Risiko einer „Verbesonderung“ einzelner Personengruppen, wenn es scheint, als wäre der Aufwand gemacht worden „extra“ wegen „denen“. An dieser Stelle kann der kontextbasierte Ansatz der japanischen Sprache eine Brücke schlagen. Wenn stattdessen nach außen kommuniziert wird, dass ein Angebot in „Freundlicher Sprache“ gestaltet wird, ist hier eine andere Wirkung zu erwarten: Eine Atmosphäre des Willkommenseins mit allen Besonderheiten und die damit transportierte Bereitschaft, sich an die jeweils aktuelle Zielgruppe anzupassen (äquivalent
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