Das Konzept „Ibasho“
(Daniel Heinz, Patrick Mendel)
Deutschland und Japan stehen vor der gleichen Herausforderung: Wie kann es gelingen, allen jungen Menschen eine umfassende Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen und sie zu befähigen, die Zukunft bestmöglich zu gestalten? Eine japanische Antwort auf diese Herausforderung ist das Schaffen von sogenannten „Ibasho”, ein Konzept, welches in Deutschland so in dieser Form nicht existiert. Diese besonderen „Seinsorte” werden in diesem Beitrag näher erläutert, die Entstehung historisch betrachtet, in den Kontext von Jugendarbeit gebracht und mit hiesigen Konzepten verglichen.
Der Begriff „Ibasho”
Bei dem Programmpunkt „Initiativen zur Schaffung von Ibasho für alle jungen Menschen!” hat uns Herr Hiroshi Oyama, Beauftragter für die Förderung der Schaffung von Ibasho in einem gesonderten Referat des Amts für Kinder und Familien, das Verständnis des Begriffs erläutert und staatliche Aktivitäten geschildert.
Der japanische Begriff „Ibasho” setzt sich aus den beiden Begriffen „i (-ru)“, dem Verb für „sein“ oder „existieren“ sowie dem Nomen „basho“, welches für „Ort“ oder „Platz“ steht, zusammen (siehe Maruyama, 2021).
Im internationalen Sprachgebrauch existieren keine adäquaten Begriffe, welche die in der japanischen Konnotation enthaltene Dimension von Sicherheit und Wohlgefühl wiederzugeben vermögen. Auch beinhaltet der japanische Begriff mehr als bloß den physischen Aufenthaltsort. Er bezeichnet Räume, an denen Menschen sie selbst sein können – wo sie sich sicher, akzeptiert und wertgeschätzt fühlen. Wir sprechen folglich im weitesten Sinne von Orten, an denen sich Menschen psychologisch sicher fühlen. Ibasho kann vieles sein: die Familie, eine Gaming-Community, die Schulmensa oder ein Jugendzentrum. Entscheidend ist das individuelle Erleben von Sicherheit, Akzeptanz, Zugehörigkeit und Sinn. Inhaltlich verwandt erscheint uns der Begriff aufgrund der räumlichen Dimension mit dem in Bürgerrechts-, Feminismus- und LGBTQIA+-Bewegungen entstandenen Konzept des „Safe Space“. Während ein Safe Space für eine einzelne und konkrete, marginalisierte Gruppe in erster Linie Schutz vor Diskriminierung und Gewalt bedeutet (siehe Hilger, 2024, S. 9), geht der Begriff „Ibasho“ in eine etwas andere Richtung: Hier stehen Teilhabe, Zugehörigkeit und Sinnstiftung im Vordergrund. Pädagog*innen stellen Räume bereit, die sich Kinder und Jugendliche individuell aneignen können. Die persönliche Erfahrung macht den Raum zum Ibasho. Safe Spaces sehen wir – zumindest in der Jugendarbeit – als notwendige Grundlage für die Entstehung eines Ibasho. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich das Ibasho-Konzept in der japanischen Jugendarbeit etabliert hat?
Wandel der Jugendarbeit in Japan
In Japan war über lange Zeit die Gruppenarbeit die einzige anerkannte Methode der außerschulischen Jugendarbeit. Jugendeinrichtungen durften dabei ausschließlich von Gruppen genutzt werden – nicht von Einzelpersonen. Während in Deutschland und anderen westlichen Ländern die Gruppe vor allem als Mittel zur individuellen Entwicklung verstanden wurde, lag in Japan der Fokus auf dem Wachstum der Gruppe, von dem das Individuum letztlich profitieren sollte (siehe Tanaka, 2021). Als dieses Konzept der Jugendarbeit stagnierte und sich die Bedarfe änderten, entstand mit der staatlich initiierten und unterstützten Schaffung verschiedener Ibasho ein neuer Ansatz, der eigentlich aus dem formalen Bildungsbereich stammt. Angesichts des steigenden Schulabsentismus gründeten in den 1980er-Jahren engagierte Einzelpersonen sogenannte „free schools”, um dieser Thematik zu begegnen. Diese Einrichtungen sollten Kindern und Jugendlichen jenseits des schulischen Umfelds, welches ihnen zum Beispiel wegen herrschenden Leistungsdrucks oder Mobbingerfahrungen kein Ibasho bieten konnte, die Möglichkeit zur Teilhabe
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