an der Gesellschaft ermöglichen. Ein modernes Beispiel haben wir mit der WING SCHOOL in Kumamoto besucht, wo flexible Regeln und freiwillige Teilnahme am Unterricht auch denjenigen Kindern und Jugendlichen ein Ibasho bieten wollen, die mit den starren Strukturen und/oder dem sozialen Druck an Regelschulen Schwierigkeiten haben. Da die Anwesenheit in einer „free school“ mit dem Besuch einer Regelschule gleichgesetzt wird, muss folglich Schulabstinenz nicht zwingend zu einer gescheiterten Bildungsbiografie führen. Auch in der außerschulischen Arbeit wurde das Konzept der Ibasho übertragen, zunächst an Modellorten wie dem Tokyo Metropolitan Youth Center. So genannte „Lobbyarbeit” (als Lobby werden die Aufenthaltsbereiche in Jugendeinrichtungen bezeichnet) bot Jugendlichen einen Raum, um auch ohne Anbindung an eine Gruppe Beratung, Kontakt oder Austausch über jugendkulturelle Themen wahrnehmen zu können (siehe Tanaka, 2021). Laut Herrn Oyama hat die japanische Regierung einen Zusammenhang zwischen dem Fehlen von Ibasho und Problemen wie Einsamkeit und sozialer Isolation erkannt: Die Zunahme von Beratungsfällen zu Kindesmisshandlung, Schulabsentismus und Suiziden zeigt, dass das soziale Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, zunehmend schwieriger wird. Durch die abnehmende Verbundenheit innerhalb des sozialen Umfelds sei es zunehmend schwerer, Kinder in der lokalen Umgebung zu fördern.
Staatliche Förderung von Ibasho in der Jugendarbeit
Laut „Amt für Kinder und Familien“ (Children and Families Agency, kurz CFA (2022)) hat das japanische Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (kurz MEXT) durch die Verabschiedung des neuen Kindergrundgesetzes im April 2023 verschiedene Maßnahmen entwickelt und einen Paradigmenwechsel eingeleitet: Ausdrückliches Ziel ist die Schaffung einer Gesellschaft, welche das individuelle und glückliche Aufwachsen aller Kinder und Jugendlichen ermöglicht. Grundlage hierfür ist zum Beispiel der Ansatz, weniger Leistungs- und Anpassungsorientierung zu verfolgen und stattdessen die Entwicklung eigenständiger Persönlichkeiten stärker zu fördern. Infolgedessen befindet sich auch die Jugendarbeit in einem Veränderungsprozess. Zum ersten Mal werden Kinder in Japan ausdrücklich als eigenständige Rechtssubjekte anerkannt, deren Wohlergehen, Bildung, Schutz und Beteiligung gesetzlich gesichert werden müssen. In diesem Zusammenhang wurden kinder- und jugendrelevante Maßnahmen zur Erreichung der o. g. Ziele eingeleitet. Unter anderem die nachhaltige Schaffung von Ibasho, weil dieses Konzept die praktische Umsetzung der Prinzipien ermöglicht. Ein erster Schwerpunkt liegt in der Unterstützung bei der Erhebung und Analyse der tatsächlichen Situation. Weiterhin geht es darum, die Anzahl und Vielfalt von Ibasho entsprechend den Bedarfen von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen sowie ihre Gestaltung angesichts sich wandelnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen kontinuierlich zu überprüfen und anzupassen. Darüber hinaus fördert das Ministerium Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungsaktivitäten, damit Kinder und Jugendliche über vorhandene Angebote informiert werden und leichter Zugang zu einem Ibasho finden können. Und mit der, im Zuge der Etablierung des Kindergrundgesetzes, ebenfalls durch MEXT gegründeten „Amt für Kinder und Familien“ (Children and Families Agency, kurz CFA) gibt es erstmals eine zentrale Regierungsbehörde, welche auch für die Entwicklung und Qualitätssicherung von Ibasho zuständig ist. Sind vorher Ibasho regional und punktuell entstanden, eröffnet dies Möglichkeiten, sie strategisch und landesweit auszubauen. Die Aufgaben der „CFA“ bei der Gestaltung der Ibasho bestehen darin, diese zu vergrößern, zu vervielfältigen, zu verknüpfen, zu verbessern und zu überprüfen. Die besondere Gewichtung, welche dem Amt beigemessen wird, lässt sich auch noch daran erkennen, dass sie direkt der Regierung unterstellt ist und im Kabinett des Premierministers arbeitet. Schließlich setzt das Ministerium auf die Initiierung von Modellprojekten, welche – ähnlich wie in Deutschland – eine hohe Strahlkraft entfalten und als Vorbilder für andere Institutionen oder Regionen dienen können. Auf diese Weise sollen mehr Kinder und Jugendliche Ibasho für sich finden.
Die drei Elemente eines Ibasho
Laut Tanaka (2021) hat ein Ibasho drei Dimensionen: Der Raum (basho), die Zeit (im Sinne einer Zukunftsperspektive oder eines Entwicklungspotenzials) und die Beziehung.
Räumliche Dimension : Meist sind das eigene Zuhause und die Schule Räume, in denen sich japanische Jugendliche aufhalten. Finden sie dort für sich kein Ibasho, braucht es ergänzende Angebote. Eine wichtige Erkenntnis war, dass ein Ibasho nicht zwingend ein physischer Ort sein muss. In seinem Vortrag verwies Herr Oyama explizit auf den Cyberspace als potenziellen Ibasho und betonte,
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