Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft

Als offener Treff für Kinder und Jugendliche ist der Yumepark von seiner konzeptionellen Ausrichtung sowohl inklusiv als auch partizipativ ausgelegt; die Ausgestaltung sowohl von Programm oder gemeinsamen Angeboten als auch des weitläufigen Außengeländes erfolgt nicht ohne die Besuchenden, und als gelebter Ibasho werden Kinder und Jugendliche vom dortigen Team so angenommen, wie sie sind. Zusätzlich zu den freizeitpädagogischen Aspekten, welche in dem ausladenden, multifunktional nutzbaren Gebäudetrakt sowie dem Freigelände ihren Raum finden, werden im speziellen Bereich „Free Space EN“ des Yumepark schulabsenten jungen Menschen verschiedene Hilfestellungen gewährt, von der Lernförderung, über die Bereitstellung kostengünstiger Mahlzeiten bis hin zu alltagsunterstützenden Maßnahmen. Hier werden für Kinder und Jugendliche Lernaktivitäten entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen und somit wichtige Schritte zur gesellschaftlichen Teilhabe geschaffen. Kinderkantinen (kodomo shokudō) fungieren als niedrigschwellige, oft spendenbasierte Begegnungsorte, die nicht nur der Ernährungssicherung dienen, sondern auch soziale Teilhabe ermöglichen. Es handelt sich häufig um Initiativen von freien Trägern, bei denen Freiwillige aus dem Sozialraum mit gespendeten oder von Spendengeldern gekauften Lebensmitteln Mahlzeiten zubereiten und anbieten. Anders als bei Angeboten der Tafel in Deutschland wird zur Vermeidung von Armuts-Stigmatisierung oftmals auf die Erbringung von Nachweisen der Bedürftigkeit verzichtet. Dies basiert auf der Erfahrung, dass einige Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern das Essen nicht wahrnehmen würden, aus Scham, sich als arm „auszuweisen“. Die besonderen Orte sind besonders für diejenigen Kinder relevant, die keinen regelmäßigen Zugang zu warmen Mahlzeiten haben, und schaffen ein kollektives Gefühl von Versorgung und Gemeinschaft, da neben der Essensausgabe beispielsweise auch Lernmöglichkeiten oder sogar Mehrgenerationentreffpunkte angeboten werden können. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass bei weitergehender pädagogischer Unterstützung ein vereinfachter Zugang zu weiteren, bereits bestehenden Angeboten geschaffen werden konnte.

Ibasho und gesellschaftliche Teilhabe

In der internationalen Diskussion um Partizipation und Empowerment wird betont, dass Orte der Zugehörigkeit nicht durch feste Strukturen, sondern durch Offenheit und Veränderbarkeit geprägt sein sollen (siehe Herriger, 2020). Gleiches trifft auch auf das japanische Konzept „Ibasho“ zu: Wie wir von Herrn Oyama erfahren haben, kann ein Ibasho je nach Zweck einen unterschiedlichen Charakter annehmen. Seine nachhaltige Verankerung setzt zudem eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Lebenswelten junger Menschen und stetige Anpassung des Ortes voraus. Die besondere Wertigkeit eines solchen „Seinsorts“ entsteht gerade dadurch, dass er nicht von Erwachsenen „vorgegeben“, sondern gemeinsam mit den besuchenden Kindern und Jugendlichen gestaltet wird. Pädagogische Fachkräfte haben hierbei die Aufgabe, zunächst aufmerksam zuzuhören, Bedürfnisse wahrzunehmen, auch nonverbale Signale zu berücksichtigen und daraus offene Räume zu entwickeln – anstatt eigene Vorstellungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, Räume für Pausen, Ambivalenzen und Zurückhaltung zuzulassen, während gleichzeitig Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden. Hier zeigt sich eine Nähe zum Empowerment-Konzept (siehe Herriger, 2020), welches darauf abzielt, Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, indem sie ihre eigenen Ressourcen und Ausdrucksformen entwickeln können.

Was können wir nach Deutschland mitnehmen?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Jedes Ibasho ist einzigartig. Es bildet sich im Zusammenspiel von Raum, Zeit und in Beziehung von Kindern, Jugendlichen und Fachkräften und lebt von der wechselseitigen Entwicklung. Die pädagogische Begleitung erfüllt dabei eine doppelte Funktion: Einerseits unterstützt sie junge Menschen darin, zu erkennen, was Ibasho für sie bedeutet und wo sie solche Orte finden können. Andererseits stärkt sie die Fähigkeit zur Selbstpositionierung von Heranwachsenden im Sozialraum – ein Kernelement von Empowerment. So unterschiedlich die Sprache in Deutschland und Japan auch sein mögen, so ähnlich sind die Herausforderungslagen zur Schaffung von gesellschaftlicher Teilhabe junger Menschen. Viele Aspekte von Ibasho spielen auch in der deutschen Jugendarbeit eine wichtige Rolle – nur eben mit anderer Bezeichnung. Doch der spannende Perspektivwechsel hat unserer Gruppe wertvolle Anregungen gegeben, die eigene Angebotsstruktur neu zu denken. Vor unserer Studienreise unterlagen wir der fixen Idee, ein Ibasho wäre das japanische Pendant einer Einrichtung der deutschen Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Wie viel diffuser und vielschichtiger das Verständnis des Konzepts „Ibasho“ ist, wurde uns erst durch die verschiedenen Einrichtungsbesuche, Kontakte und Gespräche vor Ort bewusst. So ähnlich das Grundgefühl und der Grundgedanke hinter Ibasho sind, so unterschiedlich sind die individuellen Ansprüche an solche Seinsorte. So haben wir im Verlauf

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