des Austauschs unterschiedliche Konzepte von Ibasho gesehen, welche zum Beispiel hiesigen Abenteuerspielplätzen oder Jugendzentren ähneln. Aber auch solche, die in Form einer „free school“ schulabsente Kinder und Jugendliche als Kernzielgruppe haben.
Auch wenn wir uns im Rahmen des Fachkräfteaustauschs thematisch vor allem im Kontext der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit dem Thema „Ibasho“ beschäftigt haben, so ist dieses Bedürfnis nach Seinsorten nicht allein auf diese Gruppe und nicht auf ein Gemeinschaftserleben beschränkt. So lud ein Gastvater, Geschäftsmann und Familienvater, während des Gastfamilienaufenthaltes im Regionalprogramm ein, ihn an einen seiner persönlichen Seinsorte (abseits der Familie) zu begleiten. Dies war ein eindrucksvoller Aussichtspunkt auf dem Kraterrand in der Nähe von Kumamoto, den er regelmäßig mit dem Motorrad besucht (siehe Abbildung 5).
Abbildung 5: Landschaftsbild in der Präfektur Kumamoto
Offene Fragen und Diskussionsanreize
Für viel Diskussion innerhalb unserer Delegation hat die Definition von Ibasho als „konfliktfreiem Raum“ gesorgt, welche uns im Rahmen eines Vortrags begegnet ist. Während das Prinzip „Ibasho“ wesentlich durch die Abwesenheit zwischenmenschlicher Spannungen gekennzeichnet ist, versteht die deutsche Jugendarbeit Konflikte als unverzichtbaren Bestandteil pädagogischer Prozesse. In einer diversen Gesellschaft gelten Auseinandersetzungen um unterschiedliche Positionen als notwendiger Bestandteil demokratischer Aushandlung. Daraus ergibt sich die Frage, ob ein „Seinsort“ im Sinne des Ibasho überhaupt entstehen kann, wenn Konflikte systematisch vermieden werden – oder ob dies zur Unterordnung individueller Bedürfnisse unter die Harmonievorstellungen der Gruppe führt. Herausfordernd ist zudem die wachsende Diversität von Wertvorstellungen und Lebenslagen in einer pluralen Gesellschaft. Wird ein Ibasho nach den Vorstellungen einer spezifischen Gruppe gestaltet, besteht die Gefahr, dass andere Jugendliche exkludiert werden. Zwar sind Ibasho prinzipiell als „offen für alle“ angelegt, jedoch könnten vielleicht eher jene profitieren, die bereits über Ressourcen verfügen. Benachteiligte junge Menschen könnten dadurch leicht ausgeschlossen bleiben (siehe Maruyama, 2021). Erfahrungen aus der deutschen Jugendarbeit zeigen, dass Offenheit allein keine Inklusion garantiert. Vielmehr bedarf es gezielter pädagogischer Ansprache, sichtbarer Willkommenssignale, Barrierefreiheit und inklusiver Konzepte. Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die mögliche Aneignung des Ibasho-Konzepts durch Jugendliche mit antisozialen Werten. So können auch exklusive Räume mit hohen Zugangshürden, geteilten Feindbildern oder diskriminierenden Praktiken von den Beteiligten als Ibasho erlebt werden. Damit stellt sich die Frage, in welchem Maße pädagogische Fachkräfte Räume vorbereiten, strukturieren und begleiten sollten – und welche Grenzen Mitbestimmung haben sollte. Grundsätzlich stärkt das Ibasho-Konzept die Selbstwirksamkeit von Kindern und Jugendlichen, indem es Gestaltungsmacht in ihre Hände legt. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass auch Ibasho exkludierende Dynamiken reproduzieren können. Insbesondere stellt sich die Frage, wie Jugendliche unterstützt werden, die ihre Bedürfnisse nur schwer artikulieren können, und wie inoffizielle Hierarchien verhindert werden können, in denen dominante Stimmen den Ton angeben. Schließlich sind im deutschen Kontext Schutz- und Fürsorgepflichten zu berücksichtigen, etwa durch Schutzkonzepte zur Prävention sexualisierter Gewalt. Diese müssen gewährleistet sein, ohne den Freiraum, der das Ibasho konstituiert, übermäßig einzuschränken. Letztlich besteht die Frage: Ist das Ibasho-Konzept in der Jugendarbeit eine Utopie, die eigentlich nie erreicht werden kann? Das Ziel, welches Herr Oyama uns beim Vortrag genannt hat, ist es jedoch wert, es zu versuchen:
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