RZ_KW26_2019

Riehener Zeitung 

Freitag, 28. Juni 2019

Nr. 26

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TROCKENHEIT Extremfall Hardwald: Beliebtes Birsfelder Waldgebiet bleibt gesperrt

CARTE BLANCHE Grenzüberschreitendes Musikfestival

Lebensgefahr statt Erholung

Gestern ist «Stim- men», das grösste Musikfestival in der Region, mit einem Konzert in Liestal gestartet. Seit 1994 findet jährlich das in- ternationale Mu- sikfestival in Deutschland und in der Schweiz statt. Wer hätte

UmdenHardwald wieder sicher zu machen, müssen rund 2000 erkrankte und tote Bäume gefällt werden. Diese sind überall einzeln verteilt, was den Prozess noch schwieriger macht. Au- sserdem erwarten die Fachleute Fol- geerscheinungen, weil durch die Fäl- lungen auch andere Bäume plötzlich der Sonne ausgesetzt werden. Ziel die- ser Massnahmen ist es, den Wald wie- der als Erholungsgebiet zugänglich zu machen. Die Natur selbst trage eigent- lich keinen Schaden am Ganzen, ver- deutlichte Revierförster Christian Kleiber. Es sei ein natürlicher Wechsel im Gange, der Baumbestand müsse sich allmählich an die neuen Klima- bedingungen anpassen. Doch das dauere Hunderte von Jahren. Die Diskussion über das jetzige und künftige Waldbild hat jedoch erst begonnen. Zurzeit ist das Amt für Wald beider Basel daran, sich einen Überblick über den Zustand der Wäl- der in der Region zu verschaffen. Wichtig ist es erst einmal herauszu- finden, welche Bäume und Bodenbe- schaffenheiten in welchem Ausmass gefährdet sind. Der kritische Zustand des westlichenHardwalds sucht in der Region jedenfalls seinesgleichen. Nathalie Reichel

Jörg Lutz

zu Beginn gedacht, dass sich «Stim- men» zu einem der Musikereignisse des Jahres in der Region entwickeln würde, das weit über die lokalen Grenzen hinaus Beachtung findet? Das Festival trug massgebend zu ei- ner neuen Wahrnehmung der Stadt Lörrach von aussen bei und hat sich zu einem festen Bestandteil der Kul- turszene im Dreiland entwickelt – es ist daraus nicht mehr wegzudenken. Einmal im Jahr wird die ganze Stadt zur Bühne für herausragende Musikkünstler der Gesangs- und Chormusik. Morgen Samstag, 29. Ju- ni, findet zum18.Mal «Lörrach singt» statt. Zahlreiche Gesangsformatio- nen, davon viele aus der Schweiz, er- heben in der Lörracher Innenstadt ihre Stimme; dieses Jahr ganz imZei- chenvon«30 JahreUN-Kinderrechts- konvention» und Unicef. Der Kinder- und Jugendchor Lörrach e. V. wird unter der Leitung von Abélia Nord- mann zu diesem Geburtstag ein be- sonderes Programm gestalten. Traditionell sind beim Stimmen- Festival Topstars aus Rock- und Pop- musik, Klassik und Jazzgesang sowie renommierte Ensembles aus der Re- gion und der ganzen Welt im Pro- gramm. So sind dieses Jahr Jan Delay & Disko No. 1, George Ezra, Beirut, Revolverheld und Iggy Pop auf dem Marktplatz Lörrach zu Gast. Die Konzerte ziehen insbesondere Besu- cher aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich an. Verbunden ist das Festival auch in einer langjährigen Partnerschaft mit der Gemeinde Riehen. Auch dieses Jahr ist «Stimmen» im Wenkenpark zu Gast: Am 18. Juli treten in der Reit- halle Sudan Archives und Mariama in Ihrer Gemeinde auf. Im Schloss- park Binningen kommt man in den Genuss des Sinfonieorchesters Basel, und zwar am 5. Juli mit Natalie Karl (Sopran) und Michael Pflum (Tenor) sowie am 6. Juli mit Olga Peretyatko (Sopran) und Dmitry Korchak (Te- nor). Auf dem Domplatz Arlesheim sind am 19. Juli Morcheeba und am 20. Juli Calexico and Iron & Wine im Programm. Musik überwindet Grenzen und verbindet Menschen unabhängig von der Nationalität – feiern wir die- sen Sommer wieder gemeinsam ein grosses Fest. Ich lade Sie dazu herz- lich ein! Jörg Lutz ist Oberbürgermeister der Stadt Lörrach.

Die insgesamt 2000 toten Bäume sind im ganzen Hardwald zu finden.

Foto: zVg

Wie Revierförster Andreas Wyss An- fang Juni in dieser Zeitung berichtete, sind auch im Riehener und Bettinger Wald vor allem auf mageren und steini- gen Standorten sowie an süd- undwest- exponierten Lagen vermehrt Trocken- heitsschäden an Buchen festgestellt worden. Die von der Trockenheit ge- schädigten Bäume haben in diesem Frühling nicht mehr ausgetrieben. Die Lücken werden später mit der Pflan- zung von Linden, Eichen und Edelkas- tanien ergänzt. Die Forstequipe der Gemeinde Riehen und private Forstun- ternehmungen sind zurzeit mit der Fäl- lung der abgestorbenen Bäume be- schäftigt. Dauer der Sperrung unklar Die Klimakrisemacht sich also auch regional bemerkbar: Viele Bäume blü- hen nicht mehr und können sich nicht gegen Waldschädlinge wehren. Auch die stärksten Äste werden so brüchig, dass sie jederzeit unkontrolliert abbre- chen und auf Waldwege oder Grillstel- len herunterfallen könnten. Der Hard- wald ist deswegen sowohl für die

Öffentlichkeit als auch für Forstarbeiter mittlerweile zu einer Gefahrenzone ge- worden. Ende Mai griff das Amt für Wald beider Basel deswegen zu einer ungewöhnlichen drastischen Mass- nahme und sperrte die westliche Hälfte des Hardwalds. Wie lange der Wald ge- sperrt bleibt, ist unklar.

Wer durch den Hardwald läuft, merkt zunächst nichts von einem ökologi- schen Desaster. Auf Augenhöhe sieht nämlich noch alles grün und blühend aus. Doch ein kurzer Blick nach oben reicht und das Bild ist nicht mehr so er- freulich: Die vielen Bäume mit ihren dürren, morschen Ästen sind nicht mehr zu übersehen. «Rund 20 Prozent des Baumbestan- des im Hardwald sind abgestorben», erklärte Christian Kleiber, Revierförster der Bürgergemeinde der Stadt Basel, letzte Woche an einem Medienanlass vor Ort. Das liege vorwiegend am letz- ten Hitzesommer: Durch die langen Trockenperioden und unregelmässigen Niederschläge seien hohe Bäume zu lange der Sonne ausgesetzt undwürden an Wassermangel leiden. Die instabile Bodenbeschaffenheit des Hardwalds verschlechtere die Situation zusätzlich, weil die Bäume keine tiefen, sondern eher flache Wurzeln hätten und somit nicht genug robust seien, betonte Klei- ber. Besonders Tannen und Fichten sei- en vomAbsterben bedroht, ferner auch Buchen.

Revierförster Christian Kleiber berichtet über die kritische Situation im Hardwald und erklärt den Grund der Sperrung. Foto: Nathalie Reichel

RENDEZ-VOUS MIT … Nicolette Aghdami, die die Kindertagesstätte «Wild Kind – Compassionate Playschool» gegründet hat

«Ich hatte als Kind den Spitznamen Mowgli» Nach einem Betreiberwechsel sagte Nicolette Aghdami die pädagogische Ausrichtung der Kindertagesstätte ihrer Tochter überhaupt nicht mehr zu. So beschloss sie, eine eigene Kita zu grün- den. Auch wenn die 36-Jährige bei ihrem Vorhaben von ihrem Ehemann unterstützt wurde, der schon viele Jahre selbstständig arbeitet und auch in der neuen Kita die finanzielle Leitung über- nimmt, erforderte ein solcher Schritt Mut. Erst einmal musste Aghdami, die viel Erfahrung mit Kindern, aber keine pädagogische Ausbildung hat, kompe- tente und gleichgesinnte Mitarbeite­ rinnen sowie einen geeigneten Raum in Riehen finden. Fündig wurde sie schliesslich in einem leerstehenden Handwerksbetrieb an der Aeusseren Baselstrasse 303, wo am 2. Mai die Kita «Wild Kind – Compassionate Play- school» ihre Türen öffnete. Die päda­ gogischen Mitarbeiterinnen heissen Séverine Ernst und NadineWürsch.

see und in Budapest auf und kam nach der Wende mit den Eltern, ihrer Schwester und ihrem Bruder nach Basel zurück. Alle Familienmitglieder leben noch heute in der Region. Ihr Vater fand damals Arbeit in der Metz- gerei Eiche; mit dem Riehener Ernst Eiche habe lange Zeit eine herzliche Beziehung bestanden. «Das ging an die Substanz» Eine weitere prägende Erfahrung für Nicolette Aghdami war jene als Assistentin einer Aussagenpsycholo- gin zwischen 1998 und 2006, teilweise noch während ihres Studiums der Psychologie und des Strafrechts in Basel. Sie half, Verhör- und Zeugen- aussagen im Zusammenhang mit Verbrechen an Kindern zu beurteilen. «Das war sehr hart für mich und ging andie Substanz», erinnert sie sich. Die folgenden zehn Jahre arbeitete sie in der Verwaltung von Firmen, Banken und der Universität Basel. 2014 heira- tete sie ihren Mann Daniel, einen gebürtigen Engländer mit persischen Wurzeln, was Nicolette Aghdamis Nachnamen und ihre internationale Ausrichtung erklärt. Im selben Jahr kam ihre Tochter Zoë zur Welt, die deutsch- und englischsprachig auf- wächst. Nach Zoës Geburt versuchte es Aghdami noch einmal bei einer Bank in Zürich: «Aber ich erkannte, dass das überhaupt nicht mehr meine Welt war.» Den Entschluss, eine eigene Kindertagesstätte zu eröffnen, be- zeichnet sie heute als «Frustrations- ausbruch». Das grosse Interesse vieler Eltern, noch bevor sie überhaupt Räumlichkeiten für die neue Kita ge- funden hatte, habe sie aber bestätigt, die Herausforderung neben der da- maligen Arbeit, Hund Henry und dem starken Engagement in ihrer Familie inklusive Eltern anzunehmen. «Ich kann bis heute nicht glauben, dass es geklappt hat», freut sich Nicolette Aghdami.  Boris Burkhardt

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Naturverbundenheit und Tierliebe, etwa in Form von Holzspielzeugen und ve- getarischem Essen, sind Teil von Nicolette Aghdamis Konzept. Foto: Boris Burkhardt

Der englische Name ihrer Einrich- tung solle keine deutschsprachigen Fa- milien abschrecken, betont Nicolette Aghdami, durchaus aber internationa- le Eltern, die in Riehen und in Basel Nord leben, einladen. Deshalb lasse sich der Name «Wild Kind» sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch lesen – einerseits zu übersetzen als «wilde Wesensart», andererseits als «wild und gütig». Umgangssprache in der Kita sei aber Schweizerdeutsch. «Wild» will Aghdami im positiven Sinne als «naturverbunden» verstanden wissen: Das Spielzeug sei aus Holz, das Essen vegetarisch, die Pflegeprodukte vegan. Ausserdem sollen die Kinder viel in der Natur sein und Tiere kennenler- nen, wozu sich der Landschaftspark Wiese gleich gegenüber bestens eigne. Diesen Monat soll zudem der haus­ eigene Garten fertig werden. Kita soll familiär bleiben «Playschool» ist laut der Baslerin im Angelsächsischen eine gängige Bezeichnung für Kitas, das Adjektiv

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Eltern in Ungarn sei immer voller Tiere gewesen, erzählt sie, es seien inoffizielle Tierheime für verwahrlos- te Strassen- und Haustiere gewesen. «Ich hatte in meiner Kindheit den Spitznamen Mowgli», lacht die zart- gliedrige Frau mit den bauchnabel- langen braunen Haaren und dem freundlichen Gesicht und fügt ernster an: «Ich halte mich für sehr sensibel. Es belastet mich, wenn es Kindern und Tieren schlecht geht.» Noch heute engagiert sie sich ehrenamtlich in Tierschutzprojekten und Projekten zum Schutz von Kindern. GeborenwurdeNicolette Aghdami in Basel. Ihre ungarischen Eltern András und Agnes, ein Wasserballer und eine Ruderin, lebten lange in der Schweiz, bevor ihnen ihre Regierung nach einem Heimatbesuch die Aus­ reise verweigerte. Aghdami wuchs deshalb nach den ersten anderthalb Lebensjahren in Riehen am Platten-

«compassionate» (mitfühlend, empa- thisch) steht für die zweite Säule ihres pädagogischen Konzepts. Mit viel unstrukturierter Spielzeit und selbstbestimmten Erfahrungen will Nicolette Aghdami den Kindern die Möglichkeit geben, sich zu wider- standsfähigen Individuen und empa- thischen Menschen zu entwickeln. Dazu gehöre zum Beispiel auch, dass sie sich je nach Laune die Begrüssung selbst aussuchen dürften – vom ein­ fachen Winken über ein Lächeln bis zur Umarmung. Obwohl das Basler Erziehungsdepartement ihr erlauben würde, bis zu 45 Kinder aufzuneh- men, will die Geschäftsführerin die Anzahl der Kinder, die gleichzeitig in der Kita sind, auf die Hälfte beschrän- ken: «Es soll familiär bleiben.» Nicolette Aghdamis Konzept einer modernen Kita ist stark geprägt von ihrem eigenen Leben. Sowohl das Haus ihrer Grosseltern als auch ihrer

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