IHK-Global Business Ausgabe 08-09/2022

BREXIT

BREXIT

oder Kraftstoff. Wo plant die britische Regierung Erleich- terungen, um Bürokratie abzubauen und die Prozesse für Unternehmen zu verein- fachen? Gallard: Die Handelsbe- dingungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU haben sich grund- legend geändert. Unterneh- men mussten sich auf neue Vorschriften einstellen. Die Pandemie beeinträchtigte al- lerdings die Vorbereitung der Unternehmen. Deshalb hat die britische Regierung einen flexiblen und pragmatischen Ansatz für die Einführung der neuen Vorschriften gewählt. Wir haben Kontrollen, die wir ursprünglich für Juli 2022 geplant hatten, nicht einge- führt. Die bereits eingeführten Kontrollen werden jedoch beibehalten. Wann soll das neue Kontroll - system kommen? Gallard: Wir werden unser neues Konzept für die Verwal- tung von Wareneinfuhren an der Grenze im Herbst ver- öffentlichen und planen, es Ende 2023 einzuführen. Damit werden wir unser Versprechen einlösen, eine Grenze zu schaf- fen, die auf Innovation setzt und die Prozesse für Händler und Reisende vereinfacht. Während sich die Welt- wirtschaft von der Pandemie erholt, haben wir festgestellt, dass die Lieferketten in allen Sektoren und Ländern unter Druck stehen. Wir und Partner wie Deutschland stehen nun auch vor einer Reihe neuer Herausforderungen, von der anhaltenden Unterbrechung der Lieferketten infolge des unprovozierten und illegalen Einmarsches Russlands in die Ukraine bis hin zur Energie- krise und dem allgemeinen Druck auf die Lebenshal- tungskosten.

Jill Gallard ist seit November 2020 Botschafterin des Vereinigten König- reichs in Deutsch- land.

Mit ihrer Energiesicherheits- strategie setzt die britische Regierung langfristig auf mehr Offshore-Windparks, mehr Atomstrom durch Small Mo- dular Reactors sowie Wasser - stoffprojekte. Was verspricht sie sich davon? Gallard: Die britische Energie- sicherheitsstrategie baut auf dem Zehn-Punkte-Plan für eine grüne industrielle Revolu- tion auf. Zusammen mit unse- rer Net-Zero-Strategie sollen Investitionen des Privatsektors in Höhe von 100 Milliarden britischen Pfund eine stabile Energieversorgung und Wohl- stand für Großbritannien und Europa sichern. Das Paket ehrgeiziger Maß- nahmen fördert Windkraft, Kernenergie, Solarenergie und Wasserstoff, um dem Vereinig- ten Königreich langfristige Energieunabhängigkeit und ein sauberes und erschwing- licheres Energiesystem zu ermöglichen. Um dies zu unterstützen, ha- ben wir eine Reihe spezifischer Finanzierungsmechanismen und -initiativen angekündigt. Sie sind Teil eines mehrere Millionen Pfund umfassenden Pakets für die Erforschung und den Einsatz innovativer Energietechnologien. Wo sehen Sie Chancen für deutsche Unternehmen, sich

an Projekten zu beteiligen? Gallard: Es gibt eine enge Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern, um unsere Volkswirtschaften umwelt- freundlicher zu machen. Wir verzeichnen bereits Interesse deutscher Unternehmen an der britischen „Heat Pump Investment Accelerator Com- petition“, die darauf abzielt, 600.000 Wärmepumpen pro Jahr bis 2028 zu installieren. Deutsche Unternehmen und Investoren sind wichtige Partner auf unserem Weg zu Net Zero. Es gibt viele weitere Bereiche in der Liefer- und Wertschöpfungskette, in denen wir zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen können. Seit Anfang des Jahres ist das Nationale Sicherheits- und Investitionsgesetz in Kraft. Welche Vorteile bietet UK deutschen Investoren? Gallard: 2020 beliefen sich die ausländischen Direktin- vestitionen aus Deutschland im Vereinigten Königreich auf 106,6 Milliarden Britische Pfund, das sind 142,2 Prozent mehr als 2019. Das Vereinigte Königreich beherbergt eine Reihe der bedeutendsten deutschen Unternehmen, von denen einige seit über einem Jahrhundert präsent sind. Wir teilen eine Reihe von Wert-

Im Fährhafen von Dover: Die Warenströme fließen nicht mehr reibungslos von und zur Insel.

„Die Handelsbedingungen haben sich grundlegend geändert“ Seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs stehen Unternehmen vor ganz neuen Herausforderungen. Wir haben die britische Botschafterin in Deutschland, Jill Gallard, nach ihrer Einschätzung gefragt – im Nordirland-Streit mit der EU, bei Warenströmen und Handel, zu Energiepolitik und Inflation auf der Insel.

Wir werden unser neues Konzept für die Verwal- tung von Wa- reneinfuhren an der Grenze im Herbst ver- öffentlichen und planen, es Ende 2023 einzuführen.“ Jill Gallard

Integrität des Vereinigten Königreichs bewahren und den EU-Binnenmarkt schützen. Unsere Präferenz ist eine Lösung auf dem Verhandlungsweg. Unsere Tür bleibt offen, aber die EU war bislang nicht bereit, das Protokoll zu ändern, was nötig ist, um die für Nordirland erforderlichen Lösungen umzusetzen. Ende 2021 gab es im Vereinigten Kö- nigreich zeitweise Versorgungseng- pässe, etwa bei Gemüse, Getränken

untergräbt dies. Wir können nicht zu- lassen, dass dieser Zustand andauert. Wir müssen die negativen innenpoli- tischen Auswirkungen des Protokolls beseitigen, um die Lage in Nordirland zu stabilisieren – zum Schutz des Kar- freitagsabkommens. Die EU will allerdings nicht neu verhandeln… Gallard: Unser Gesetzentwurf wird die Balance wiederherstellen, die den Zielen des Protokolls inhärent ist. Er wird eine harte Grenze vermeiden, die

Die britische Regierung erwägt, das Nordirland-Protokoll in der jetzigen Form zu kündigen. Worum geht es dabei aus britischer Sicht? Jill Gallard: Die Umsetzung des Protokolls verhindert den Handel in- nerhalb des Vereinigten Königreichs, unsere oberste Priorität ist aber die Erhaltung von Frieden und Stabilität in Nordirland. Die politische Einigung in Nordir- land stützt sich auf den Respekt zwi- schen allen Bevölkerungsteilen und deren Zustimmung – das Protokoll

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IHK Global Business 08-09/2022

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ihk.de/rhein-neckar

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