Schöner Südwesten

STADTBUMMEL

Ein perfekter Tag … in Calw

Kulturgeschichte ist auf dem Pflaster der Fachwerkschönheit allgegenwärtig. Und vom sogenannten Tor zum Schwarzwald ist wildes Tannengrün auch schnell erreicht. Calw hat Charme und Charakter. Es ist weit mehr als der Geburtsort von Hermann Hesse. Von Agathe Paglia

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passieren, hören wir, um Hermann Hesse zu begegnen – tun wir dann auch. Zumin- dest einer lebensgroßen Bronzefigur des Dichters. Mit Hut in der Hand scheint sie „Zwischen Verweilen und Aufbruch“ hin- und hergerissen zu sein. Heute verweilen Selfie-Jäger an der Stelle, die Lieblingsort des Dichters aus Kindertagen sein soll. Quell des Reichtums Wir verweilen nicht, sondern laufen gera- dewegs ins Rössle zu Schweinebäckchen oder Rotbarsch. Hunger bremst unseren Entdeckergeist, hier wird er gestillt. Wo- chenendgäste, die durch die Schlucht im nahen Rödelbachtal nach Calw gewandert sind, gesellen sich zu uns. Andere brechen nach Zavelstein auf, von dessen Burgturm sie die Sicht auf zigtausend Wipfel des Nordschwarzwalds genießen wollen. Wieder andere Gäste schwärmen von einer E-Bike-Tour ins Teinachtal und seinem Heilwasser, das pro Stunde in 50.000 Flaschen abgefüllt wird. Wasser gibt es auch in Calw zu genüge. Überall plätschert es. Ob in den 27 Brun- nen der Stadt oder in den vielen Fließ- gewässern des Stadtgebiets. Wasserwege brachten Calw einst Reichtum. Flößerei, Salz- und Tuchhandel florierten im Mittel- alter, lernen wir bei einem Stadtrundgang. Längsseits der Nagold siedelten auch Ger- bereibetriebe, um ihre Felle zu wässern. Ein übelriechendes Geschäft eines harten Handwerks. Davon erzählt das Gerberei- museum, nur wenige Schritte von der Nikolausbrücke entfernt.

er früh am Tag auf der Langen Steige nach Calw fährt oder zu Fuß von der Schillerstraße hinab

Nur die Stadtkirche St. Peter und Paul mit ihrem 64 Meter hohen Kirchturm mischt Neugotik in unsere Optik, und Mittelalter. „Der Lange“, wie die Calwer den ehe- maligen Zwinger, Diebs- oder Malefizturm der Stadt liebevoll nennen, ist der einzig erhaltene Turm der ehemaligen Stadt- festung. Die zahlreichen Stufen hinauf zu den Gefängniszellen und weiter hoch zur einstigen Wächterwohnung empfinden heute viele Besucher als Strafe. Oben wer- den sie allerdings mit einem Panoramablick über Calw belohnt, das sich zwischen 330 und 630 Meter über Normal Null ins Nagoldtal schmiegt und auf 60 Quadratki- lometern über 13 Stadtteile erstreckt. Calw ist auf Schiene Abseits des Markts sehen wir auch Schindel- fassaden mit bunt bepflanzten Blumen- kästen, die Lila und Gelb in die Farbpalette sprenkeln. Ein perfektes Idyll, das an die Spielzeuglandschaft einer Märklin Eisen- bahn erinnert. So fern liegt der Gedanke nicht. Schließlich besitzt Calw das älteste erhaltene Weichen- und Signalstellwerk der ehemaligen Königlich Württembergischen Staatsbahnen. Auch 23 Schienenkilometer der so genannten Schwarzwaldbahn zählen dazu, die einst zwischen Stuttgart und Weil der Stadt pendelte und 1872 erstmals in Calw Station machte. Gebäude samt Strecke gelten als das längste Denkmal Württembergs. Schienen, wie Bundesstraße und Radwege verlaufen parallel zur Nagold, die durch Calw fließt. Man sollte sie über die Nikolausbrücke

über „Hundert Stäffele“ und Stadtgarten in die Kernstadt spaziert, taucht nicht selten aus strahlendem Himmelblau in einen zarten Nebelschleier. Es scheint fast so, als müsse sich der Morgen noch den Sandmann aus den Augen reiben. Manch einer gönnt sich bei Raisch’s Backcafé einen „Calwer Weck“ zum koffeinhaltigen Heißgetränk. Andere bestuhlen schon Marktplatz und Fußgängerzone, die ab dem späteren Vormittag Einheimische wie Gäste noch zu Cappuccino oder schon zu „gschmälzde Mauldäschla“ in die Altstadt locken. Calw ist Ziel vieler Tagestouristen. 18 Kilometer südlich von Pforzheim und gut 30 Kilo- meter westlich von Stuttgart gelegen, ist es ein schnell erreichbares Ziel für Alltagsflüchtige und Kulturverliebte aus dem ganzen Südwesten – genau wie wir. Markt und Malefizturm Das Schwarzwaldjuwel ist Teil der Deut- schen Fachwerkstraße, die von der Elbe bis an den Bodensee über 3.500 Kilometer durch 700 Jahre Fachwerkgeschichte ver- läuft. Davon hat Calw reichlich. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert, in dem fast alle älteren Gebäude der knapp 1.000-jährigen Stadtgeschichte bei einem Brand zerstört worden sind. So entstand das Neue zeit- gleich und schuf im Fall des Calwer Markt- platzes ein Ensemble fast wie aus einem Guss. Das Rathaus zählt dazu, auch das Geburtshaus des Dichters Hermann Hesse.

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