NATIONAL GEOGRAPHIC HISTORY

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MYSTIKER UND SEXMONSTER?

W enn jemand mit Rasputin über Sexualität sprechen wollte, wechselte dieser „schnell und spielerisch das Thema“, erzählte ein- mal der Redakteur Filipow, ein Freund Rasputins. Bis heute ist Rasputins kompliziertes Sexualleben nicht ganz geklärt. Ihm wurde eine große Libido zugeschrieben, Gerüchten zufolge ver- gewaltigte er sogar das Kindermädchen der Zarenkinder. Der Wahrheitsgehalt solcher Vorwürfe ist meist nicht zu über- prüfen. Im Jahr 1912 begann die Polizei,

ihn zu überwachen, sodass zumindest bekannt ist, welche Bedeutung Pro- stituierte in seinem Leben hatten: Er nahm sie mit in sein Haus, ins Hotel, in Bäder. Manchmal traf er mehrere an einem Tag oder suchte Prostituierte auf, nachdem er sich in der Gesellschaft angesehener Damen wie Sinaida Man- stedt oder Maria Sazonowa befunden hatte; es scheint, als ob der Kontrast zwischen „guten“ und „schlechten“ Frauen in ihm ein größeres Verlangen weckte. Gleichzeitig berichteten einige

Prostituierte von einem eigenartigen Verhalten: Nachdem Rasputin sie auf- gefordert hatte, sich auszuziehen, sah er sie einfach eine Weile an oder legte sich angezogen neben sie. Vielleicht ging es ihm bei den Begegnungen nicht um Sex, sondern darum, der Be- gierde zu widerstehen. Versuchung und Verweigerung waren offenbar wichtig für seinen Glauben. „Tatsächlich wurde seine Promiskuität wohl übertrieben“, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore.

BRIDGEMAN / ACI

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