Fataler Freudensprung
Horrorfahrt wird. »Verletzungen von Rennfahrern gehen uns allen sehr nahe«, sagt Christian. Für ihn fast ein Fluch. Im Jahr 1994 stürzt die zweifache Weltmeisterin Ulrike Maier bei der Kandahar-Ab- fahrt in Garmisch und kollidiert mit einer Zeitmess- vorrichtung. Es bricht ihr das Genick. Sie ist sofort tot. Christian war damals Stadionsprecher. »Da- nach habe ich damit aufgehört.« Rosi Mittermaier, Mutter von Felix und selbst doppelte Ski-Olym- pia-Siegerin, serviert gerade den Kaffee. »Uli hat sich nicht mehr gerührt. Wir konnten das alle nicht fassen«, sagt sie. Flucht auf den Kramer Fuhr Felix in Garmisch Rennen, dann kam Vater Christian nicht ins Stadion. »Ich war zu nervös und wollte auch dem Buben sein Metier alleine geben.« Stattdessen ging er den Kramer rauf, den Hausberg der Neureuthers. Hausberg ist durch- aus wörtlich zu nehmen, denn der Kramer, knapp 2000 Meter hoch, beginnt unmittelbar hinter dem Haus. Die Flucht half allerdings nicht viel, denn der Wind trug die Rufe des Stadion-Sprechers die Bergflanken hoch. »Beim Runtergehen, ab 13 Uhr lief der 2. Durchgang, habe ich mir die Ohren zuge- halten«, erzählt Christian Neureuther. Zu Hause rief ihn dann der Bayerische Rundfunk an, um zum 2. Platz zu gratulieren und ein Statement einzuholen. »Ich wusste noch gar nichts und hatte mir auch die Ergebnislisten im Internet nicht angeschaut.« Inzwischen ist Felix durch die Terrassentür herein- geschneit, sein Haus liegt direkt hinter dem seiner Eltern. Er hat einen Zipfelbob unter dem Arm, denn ein bisschen Spaß muss sein. Sein Vater merkt an, dass es oben ziemlich vereist sei, vielleicht nichts für den Bob. »Des ist grad recht, dann geht was«, findet Felix. Für ihn ist der Kramer Teil seiner Ju- gend, wobei das nicht ganz stimmt. »Der Königs- stand war immer unser Berg. Da waren wir ständig oben«, berichtet er (siehe Herzenstour S. 16). Es ist streng genommen kein eigener Berg, son- dern nur eine vorgelagerte Schulter des Kramer- Massivs. Doch die Aussicht auf Karwendel und Wetterstein ist phänomenal. Felix hat sogar mit ein paar Freunden eine Bank gebaut und oben hingestellt.
Der Königsstand, so könnte man auch sagen, ist sein Schicksalsberg. Denn dort hatte er sein erstes Berg-Date mit Miriam Gössner. Bald acht Jahre ist das her. Beide kannten sich aus dem Garmischer Skiclub. Miriam fuhr zu Beginn ihrer Karriere eben- falls alpin, war sogar mal bayerische Schülermeis- terin im Slalom. Dann schlug sie sich im Alter von 14 Jahren an einer Slalomstange mehrere Zähne aus und brach sich das Jochbein. Weil es zu ge- fährlich gewesen wäre, alpin zu trainieren, probier- te sie es mit Langlaufen und landete schließlich beim Biathlon. Mit ziemlichem Erfolg: Sieben Welt- cupsiege, acht Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. 2019 beendete sie ihre Karriere, wie auch Felix. Er brachte es auf drei WM- Medaillen im Slalom, Team-WM-Gold und insge- samt 13 Weltcupsiege. Nun ist auch Miriam startbereit, mit großem Ruck- sack und Hund Buddy, einem Australian Sheperd. Rosi wird sich heute um die Kinder kümmern. Der Kramer, also das erste Teilstück, erlaubt Miriam ab und an kleine Fluchten vom Alltag. Sie läuft dann mit Buddy eine gute Stunde hoch, powert sich ein wenig aus, dreht um und trabt zurück. Heute aber soll es ganz raufgehen auf den Kramergipfel. Wie das Date war am Königsstand? Miriam muss la- chen. »Felix hat einen Sprung gemacht und sich dabei zwei Bänder angerissen«, erinnert sie sich. Das Jungenhafte mochte sie immer schon an ihm. Seine Spontaneität, die Begeisterung fürs Unge- wöhnliche, sein Draufgängertum. Alles Normale langweile ihn eher. Frage sie ihn, ob er mit laufen komme, habe er dazu keine Lust. »Als ich letztens aber mit Stirnlampe nachts den Berg rauf bin, konnte ich ihn kaum bremsen«, erzählt sie. »Ich mag nicht das machen, was alle machen, son- dern nur das, was wenige machen«, erklärt Felix kurze Zeit später. Zu viel Betrieb am Berg ist ihm ein Gräuel. Wie eigentlich alles, was ihn zu sehr einengt. Deshalb kann er sich auch nicht vorstel- len, jetzt nach dem Ende seiner Profi-Karriere ein Studium zu beginnen oder eine Ausbildung. Die Schule hat Felix nicht in bester Erinnerung. »Ich war so froh, als es vorbei war.«
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WO ALLES BEGANN
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