DIE BERGE EUROPAS Von Spanien bis zum Kaukasus, vom Mittelmeer bis in die Arktis
Ob Berge wandern, ganze Kontinente gar? Was bis ins 20. Jahrhundert als völlig absurd erschien, ist heute Wissensstand. Der Erdmantel, aus dem Urkontinent Pangäa hervorgegangen, befindet sich in Bewegung, permanent, seine Teile rücken zusammen, werden überschoben oder driften auseinander. Wo sich Klüfte auftun, wie in Island oder in der Ägäis, werden Vulkane aktiv, spucken sie Lava; beim Zusammenstoß von Kontinentalplatten entstehen Gebirge. Paradebeispiel: die Alpidische Orogenese, die vor rund 100 Milli- onen Jahren einsetzte und bis heute anhält. Aus ihr ging das größte europäische Gebirgssystem hervor; es reicht von den Pyrenäen über die Alpen, den Balkan und die Karpaten bis zum Kaukasus. Der Kontinental-Clash sorgte für die Grobarbeit, er häufte riesige Gesteinsmassen an, Eis und Wasser brachten die Gebirge dann in ihre heutige Form. Was vom Himmel fällt, fließt oder zu Eis gefriert, sorgt in einem ewigen Prozess dafür, dass die Berge tatsächlich auf Wanderschaft gehen, allerdings in prakti- schen Portionen, als Steine, Kiesel oder gar zu Sand verrieben. Etwa die Hälfte der Alpenmasse hat es sich bereits außerhalb des Gebirges bequem gemacht, zerlegt und ins Vorland der Berge oder ins Meer befördert. Der kleine Stein, der sich mit seiner glatten Oberfläche in meine Hand schmiegt, erlebte Dino- saurier, Warm- und Eiszeiten, Vulkanausbrüche. Millionen Jahre alt ist er, steinalt. Ob er ein Gedächtnis hat? Steine sind Erinnerung, sagt die Wissenschaft, die ihn in seine Bestandteile zerlegt, sein Alter und seinen Werdegang bestimmt. Geologie nennt sich dieses Hantieren mit Jahrmillionen. Sie erklärt, wie Berge überhaupt entstehen, wie sie altern. Und dass sie wandern. Die Annahme, wir würden uns auf festem Boden bewegen, ist also eine menschengemachte Illusion. Immer wieder erinnert uns die Natur daran, dass es unter unseren Füßen brodelt, dass da Steine verflüssigt und gelegentlich ausgeworfen werden, wenn der Ätna einmal wieder spuckt. Oder der Eyjafjiallajökull das Islandeis schmilzt und am Himmel über Europa eine Aschewolke verteilt. Vor rund 10 000 Jahren lagen die Alpen noch unter einer dicken Eisschicht. Die Gipfelzacken hatten damals keine Namen. Das besorgte erst der moderne Mensch. So wurde das Horu zum Matterhorn, der Zackenwald zwischen Eisack und Piave nach dem französischen Geologen Déodat de Dolomieu benannt. Weil Menschen gern Vergleiche anstellen, Vorbilder suchen, auch bei Gipfeln, hat das Matterhorn weltweit seine Ableger. Die Berge, sie wandern – zumindest ihre Namen, manchmal. In Norwegen gibt’s ein Yose- mite Valley; die Sandsteintürme an der Elbe hören werbewirksam auf den Namen Sächsische Schweiz. Und ein Abbild des Torre di Pisa steht, natürlich ganz schief, in den Dolomiten. All diese europäischen Berge, monti, fjell, gore, mountains, malet, hory haben Platz zwischen zwei Buchdeckeln: die eisgepanzerten Gipfel Nordeuropas, die Vulkankegel im Atlantik und im Mittelmeer, die von der Erosion gezeichneten Kalkgebirge des Südens und die großen Unbekannten des Kaukasus. Alles Bilder, die sich einem einprägen. Möglicherweise keimt da und dort die Idee, diesen Wundern der Natur persönlich zu begegnen, sie Schritt für Schritt zu erleben. In den kantigen Felsen greifen, feuchtes Moos riechen oder den fauligen Atem einer Fumarole. In den Dolomiten über das Farbenspiel eines Enrosadira staunen, eine arktische Sonnennacht erleben, im Schneegestöber nach Atem ringen. Abenteuer Berg – Erlebnis Europa. Eugen E. Hüsler, Stefan Hefele, Daniel Kordan
CÁRNIA Bergeinsamkeit in den südlichen Karnischen Alpen. Der Blick geht ins waldreiche Val Cimoliana. rr WALLIS Fels und Eis im Talschluss des Val d’Hérens. Markant der spitze Zahn des Mont Miné (2913 m), rechts dahinter die Dents de Bertol (3546 m). r DOLOMITEN Lieblich, wild. In den Dolomiten verbinden sich starke Kontraste zu einmaligen Landschaftseindrücken. Über grünen Almwiesen stechen schroffe Felszacken in den Himmel. w ALLGÄU Grünes Allgäu mit kantigen Zähnen: die Trettachspitze (2595 m). Sie wurde 1855 von drei Brüdern Jochum aus Birgsau im Stillachtal erstbestiegen. Der jüngste war – heißt es – gerade 13 Jahre alt. ss
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