DIE MITTE WILDE ALPEN UND WALDIGE
MITTELGEBIRGE Regionen voller Gegensätze
Wer in Luzern, vielleicht am Sonnenberg, zu Hause ist, muss sich (fast) wie im Paradies fühlen. Fette Wiesen, Vierbeiner, die für Glockenbimmeln sorgen. Freie Sicht über den schönsten Alpensee auf die Berge der Innerschweiz, angeführt von Rigi und Pilatus, beide natürlich mit Gipfelbahn. Auf dem Wasser sind gleich mehrere historische Raddampfer unterwegs, viele Leute in der Altstadt. Unzäh- lige Selfies mit der Kapellbrücke und dem Pilatus werden zollfrei nach China oder in die USA reisen. Glückliche Schweiz. Historisches Erbe, gepflegt, Wohlstand, gehütet – und die Alpen vor der Tür. Am Wochenende fährt man durch den Gotthard auf die andere Seite des großen Gebirges, zur Datscha, pardon: ins Rustico über dem Lago Maggiore. Der Bauer, dem die Steinhütte einst gehörte, ist lange schon ausgezogen, seine Kinder wohnen heute in Lugano oder in Zürich. Wohlstand kannte er nur vom Hörensagen, er lebte, wie viele Familien im Sopraceneri, dem nördlichen Teil des Tessins, mit ein paar Kühen oder Ziegen und vom mageren Ertrag winziger Felder. Hunger war damals mehr als nur ein Wort, das man mit fernen Weltgegenden assoziiert. Die Alpen. Das Zentralgebirge Europas, einst ein Armenhaus, heute da und dort mit dem over- tourism kämpfend, war schon immer eine Region der Gegensätze, voller Kontraste. Der Tourismus, zunächst für wenige Menschen reserviert, dann durch die Erfindung der Dampfmaschine angefacht, brachte Wohlstand in bettelarme Täler. Gleichzeitig setzte eine Abwanderung ein, hin zu geregelter Arbeit und einem ordentlichen Einkommen. Die Zahl der Besucher auf Zeit, Gäste oder gar amici übertrifft längst jene der Einheimischen. Das Auto hat’s möglich gemacht, seine tausendfach ver- ästelte Infrastruktur, die Straßen, reichen bis in den hintersten Talwinkel, auf höchste Pässe und zur entlegensten Alm. EIN PAAR FAKTEN Die Alpen erstrecken sich vom Wiener Becken erst westwärts, dann in einem weiten Linksbogen bis zum Mittelmeer. Sie bedecken eine Fläche von rund 200 000 Quadratkilometer, sind bis 4810 Meter hoch (Mont Blanc). Hauptsächliches Baumaterial: Granit, Gneis, Schiefer und Kalk (in der schönsten Ausprägung: Dolomit). Acht Länder haben Anteil an den Alpen: Slowenien, Österreich, Deutschland, Liechtenstein, die Schweiz, Frankreich, Monaco und Italien. Die wichtigsten Flüsse sind Rhein, Rhone und Inn. Rund 13 Millionen Menschen leben im größten europäischen Gebirge, was einer mittleren
MONT-BLANC-MASSIV Herbstzauber im Val Vény, am winzigen Lac du Jardin du Miage. Links die Aiguille Noire de Peuterey (3772 m) und der Mont Rouge de Peuterey. Über die beiden Zacken verläuft der Peuterey Integral, die längste Gratüberschreitung der Alpen. Spitzenkletterer schaffen die 4500 Höhenmeter zum Gipfel des Mont Blanc in zwei Tagen.
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