Bevölkerungsdichte von etwa 65 Personen pro Quadratkilometer entspricht. Zunahmen verzeichnen nur Österreich und Slowenien; Italien dagegen hat in den letzten hundert Jahren ein Viertel seiner Alpenbevölkerung eingebüßt, punktuell (Piemont, Friaul) sogar noch mehr. Dem stehen 500 Millionen Übernachtungen pro Jahr (!) gegenüber. Größte inneralpine Stadt ist Grenoble mit etwa 160 000 Einwohnern, gefolgt von Innsbruck, Bozen und Trento. Die am höchsten gelegenen Dauersiedlungen sind Juf (2130 m) in Graubünden und St-Véran (2040 m) im Queyras. VIELFALT Daten sind wie Lichtblitze in der Nacht, Momentaufnahmen, die aber kein schlüssiges Gesamtbild erge- ben. Dazu sind die Alpen schlicht zu vielfältig. Baumaterial, Klima, Erosion und Landwirtschaft haben jeden Winkel des Gebirges geprägt, individualisiert. Wer möchte die Eiswüste des Adamello mit dem Weinbauernland an der Etsch vergleichen? Oder die epische Weite der Oberengadiner Seenplatte mit dem größten Alpenfjord, dem Lago di Como? Was in den Dolomiten als filigrane Felsarchitektur daher- kommt, ist im Bergell granitener Gigantismus. Wo Wasser über Jahrtausende hinweg am Kalkgestein nagte, entstanden ausgedehnte Karrenfelder, im Inneren der Berge riesige Tropfsteinhöhlen wie das Höl- loch in der Zentralschweiz oder die Eisriesenwelt im Salzburger Land. Eine Welt voller Wunder! Von denen viele, sofern man sie am Medienecho misst, einfach stille Schönheiten geblieben sind. Wie vor hundert Jahren. Wer die Drei Zinnen umwandert, muss allerdings ein Regentief in der Adria abwarten, um allein zu sein; aber nur ein paar Kilometer weiter südlich kann man die Marmarole, das größte Karstrevier der östlichen Dolomiten, zu Fuß durchqueren, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Zur Vielfalt der Alpen gehört auch das historische Erbe, das sich in Sprache, Überlieferungen und Architektur manifestiert. Spätestens seit Ötzis Zeit sind die Menschen hier unterwegs, überschrei- ten sie Pässe auf dem Weg von Nord nach Süd oder umgekehrt. Ein heute weitgehend vergessener Übergang vom Berner Oberland ins Wallis sorgte im Hitzesommer 2003 für eine archäologische Sensation: Das abgeschmolzene Eis am Schnidejoch (2755 m) gab Relikte frei, die belegen, dass der Pass seit der Jungsteinzeit begangen wurde. Nördlich der Scheitelhöhe, am Ufer des Iffigsees, stand einst eine römische Herberge. Römer waren es dann, die befahrbare Straßen über die Alpen anlegten, wie die Via Claudia Augusta am Reschenpass oder die Via Domitia, die das Piemont mit der Provence (Gallien) verband. Nach dem Alpenfeldzug (15 v. Chr.) wurden auch die neu eroberten nord- und ostalpinen Provinzen Raetia und Noricum ans Straßennetz angebunden. Das hatte weitreichende Folgen, denn es führte zu einer eklatanten Ausweitung des Handels zwischen Nord und Süd. Wein, Olivenöl, Gewürze und Keramik reisten in die eine, Salz, Erze und Holz in die andere Richtung, Herbergen entstanden, das Handwerk florierte. MIT DEM TOURISMUS ZUM WOHLSTAND Den Weg aus bäuerlicher Armut wies aber erst der Tourismus, mit bescheidenen Anfängen in der Postkutschenzeit, stark expandierend nach der Erfindung der Dampfmaschine und dem Bau der ersten alpenüberquerenden Bahnlinien. Den fulminanten Wohlstandsschub brachte dann das Auto nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das deutsche Wirtschaftswunder schwappte über zu den Südalpenseen, die Natur war bald nicht mehr Wildnis – oder zumindest eine, die es zu erobern galt. Dazu musste sie gezähmt, massentauglich gemacht werden. Das bedeutete: bauen, bauen, bauen. Aus den Gasthäusern, die Zimmer mit Etagenduschen anboten, entwickelten sich Wellnesspaläste. Die staubigen Straßen wurden asphaltiert, dann begradigt; am Brenner ging die erste alpenque- rende Autobahn in Betrieb. Viele Bahnlinien, vom Auto hoffnungslos abgehängt, wurden stillgelegt,
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