Auf gutem Grund_1

Die Energie unter unseren Füßen: Ein Branchenkenner über Erdwärme und ihre Perspektiven. Dr. Martin Sabel ist promovierter Geologe und seit 2017 Geschäftsführer des Bundesverbandes Wärmepumpe e.V. Hier beantwortet der Branchenexperte Fragen rund um das Thema Erdwärme und gibt fundierte Einblicke aus erster Hand. Er räumt mit Miss- verständnissen auf und zeigt, warum vom Erdwärmeausbau auch die Allgemeinheit profitiert.

„Erdwärmepumpen funktionieren nur mit Fußbodenheizung.“

platzsparende Erdsonden, Energiepfähle und die Nutzung von Grundwasser werden an Bedeutung gewinnen, da sie wenig Oberfläche benötigen und sich gut in Neubauten oder Sanierungen integrieren lassen. In Städten wird Erd- wärme zunehmend mit Quartiers- und Nahwärmelösungen gemeinschaftlich genutzt, etwa über kalte Nahwärmenetze oder Erdsondenfelder, die mehrere Gebäude versorgen. Ein weiterer Vorteil im urbanen Raum ergibt sich aus der nahezu geräuschlosen Arbeit von Erdwärmesystemen.

Zwar profitieren sie von niedrigen Vorlauftemperaturen, sie können aber auch mit Heizkörpern betrieben werden, insbe- sondere nach hydraulischer Optimierung oder Teilsanierung.

Was würden Sie jemandem sagen, der noch nie von Erd- wärme gehört hat?

für einen guten thermischen Kontakt zwischen Erdsonde und Erdreich, für hydraulische Dichtheit und für langfristige Betriebssicherheit. Fehler bei der Bohrung oder Verpressung lassen sich kaum korrigieren und können zu schlechter Effizienz und erhöhtem Stromverbrauch führen. Ein gutes Bohrunternehmen bringt nicht nur die Technik mit, sondern Erfahrung zu Geologie, Grundwasserverhältnissen und behördlichen Anforderungen. Genauso wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Bohrun- ternehmen, Planern und Wärmepumpenfachbetrieben. Eine gute Kooperation beginnt bei der gemeinsamen Auslegung der Anlage und setzt sich über Genehmigung, Bauausfüh- rung und Dokumentation fort. Nur mit gegenseitigem Ver- ständnis der jeweiligen Fachdisziplinen entsteht ein effizientes, wirtschaftliches System.

„Die Investitionskosten sind grundsätzlich zu hoch.“

Die Anfangsinvestition ist oft höher als bei Luft-Wärmepum- pen, wird jedoch in der Regel durch höhere Effizienz, gerin- gere Betriebskosten und lange Lebensdauer ausgeglichen.

Unter unseren Füßen ist es das ganze Jahr über gleichmäßig warm. Das kann man nutzen, um ein Haus zu heizen – leise, sauber und sehr effizient. Eine Wärmepumpe holt die Energie aus dem Boden und macht daraus Heizwärme und warmes Wasser. Dafür braucht sie nur Strom, der bereits zu über der Hälfte aus erneuerbaren Quellen stammt, aber keinen fossi- len Brennstoff wie Öl oder Gas. Erdwärme verbindet mehrere Vorteile auf einmal. Sie ist zuverlässig und bietet eine lang- fristige Perspektive mit ausgereifter Technik.

Welchen Wunsch hätten Sie an die Politik, wenn es nur einen geben dürfte?

„Erdwärme ist technisch kompliziert und störanfällig.“

Ein attraktives Förderprogramm, das den Erdwärmemarkt gezielt anreizen würde, wäre wünschenswert. Nordrhein- Westfalen hat es mit dem Programm progres.nrw für Klima- schutztechnik vorgemacht. Dort gibt es 50 Euro Förderung pro Bohrmeter. Das kann über die hohe Anfangsinvestition für die Erschließung der Wärmequelle hinweghelfen. Durch die vergleichsweise konstante und hohe Quellentemperatur der Wärmequelle sinkt die Netzbelastung in Spitzenlastzeiten bei kalten Außentemperaturen. Dadurch werden Netzaus- baukosten gespart, wovon die Allgemeinheit profitiert. Eine Unterstützung von Erdwärmeprojekten einzelner Hausbesit- zer ist also auch volkswirtschaftlich begründbar.

Moderne Erdwärmepumpensysteme sind ausgereift, robust und wartungsarm. Die im Boden liegenden Komponenten arbeiten passiv und verschleißfrei.

Glauben Sie, dass Erdwärme auch in Städten eine größere Rolle spielen wird?

Warum ist Erdwärme so ein cleveres Heizsystem – und warum gerade jetzt?

Ja, allerdings in anderer Ausprägung. Denn Flächen- knappheit erfordert angepasste Systeme. Insbesondere

Wärmepumpen arbeiten umso effizienter, je kleiner der Tem- peraturunterschied zwischen Wärmequelle und benötigter Vorlauftemperatur des Heizsystems ist. Wärme aus der Luft unterliegt übers Jahr hinweg hohen Temperaturschwankun- gen. Im Erdreich herrschen ganzjährig nahezu konstante Temperaturen. Somit ist Erdwärme auch im Winter hoch- effizient, ermöglicht hohe Jahresarbeitszahlen sowie niedrige Betriebskosten und reduziert Abhängigkeiten von Preis- und Marktschwankungen. Mit dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen rücken Wärme- pumpen ins Zentrum der Wärmeversorgung. Erdsonden sind für einen planbaren, zuverlässigen Betrieb von 80 Jahren und mehr ausgelegt, womit sich die Investitionskosten lang- fristig amortisieren. Aufgrund ihrer Effizienz sind Erdwärme- systeme auch interessant für Bestandsbauten. Sie eignen sich außerdem hervorragend für die passive Kühlung im Sommer.

Welche typischen Missverständnisse über Erdwärme begeg- nen Ihnen immer wieder?

Es sind oft ähnlich klingende Missverständnisse. Hier nenne ich ein paar Beispiele und erläutere, wie sie sich entkräften lassen:

„Erdwärme steht nur in geothermisch aktiven Regionen zur Verfügung.“

Anders als bei der tiefen Geothermie nutzt die Wärmepumpe die überall vorhandene, ganzjährig relativ konstante Tempera- tur in wenigen Metern Tiefe. Das nennt sich oberflächennahe Geothermie.

„Erdwärme ist eine endliche Ressource und der Boden kühlt langfristig aus.“

Eine nachhaltige Nutzung ist Stand der Technik bei korrekt ausgelegten Anlagen. Der Untergrund regeneriert sich durch Sonneneinstrahlung, Niederschläge und Wärmeflüsse aus tieferen Schichten.

Wie wichtig sind Bohrunternehmen für eine gute Erdwärme- anlage – und was macht eine gute Zusammenarbeit aus?

Bohrunternehmen bestimmen das Fundament des gesam- ten Systems. Eine fachgerecht ausgeführte Bohrung sorgt

Dr. Martin Sabel, Geschäftsführer des Bundesverbandes Wärmepumpe e.V

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INTERVIEW │ Dr. Martin Sabel über Erdwärme

INTERVIEW │ Dr. Martin Sabel über Erdwärme

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