Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Phasen typisch ist, anfangs mitunter vermissen. Das Augenmerk richtete sich damals vorwiegend auf die sequentielle und lineare Progression. Auf diese Weise präsentiert, scheinen Eriksons Konzepte einen Gegensatz zu dynamischeren, spiralförmigen und interaktiven Modellen zu bilden, die eine hochgradig komplexe - und in geringerem Maß epigenetisch (prä-)determinierte – Interaktion von Progression und Regression beschreiben. Heute versteht man vielleicht aufgrund von Rebeca und Leon Grinbergs (1971, 1974) wichtiger früherer spanischer Beiträge (und ihrer englischen Übersetzungen) besser, dass Erikson die entscheidenden kulturellen und sozialen Aspekte hervorhob, die durch Introjektionen, Internalisierungen und Integrationen zahlreicher Partialidentifizierungen an der Bildung der „Ich-Identität“ teilhaben. In diesem Sinn verstanden, besitzt das Ich subjektive Aspekte des Selbst und ist für die Integration der verschiedenen psychischen Repräsentationen des Selbst als wichtige Funktion und Struktur des Ichs verantwortlich. Das lateinamerikanische Verständnis der Ich-Psychologie griff ursprünglich insofern zu kurz, als man annahm, dass sie ausschließlich zur Behandlung neurotischer psychischer Erkrankungen vorgesehen sei. In diesem Zusammenhang wuchs Otto F. Kernbergs einzigartiger Integration von Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorien und ihren spezifischen technischen Indikationen und Erweiterungen analytisch basierter Behandlungen für Patienten mit Borderline- Persönlichkeitsorganisation als theoretisches Schnittfeld von Ich-Psychologie und objektbeziehungstheoretischem Ansatz besondere Bedeutung zu. In Lateinamerika wird Kernbergs Werk von manchen Analytikern als „zeitgenössische Ich- Psychologie“ betrachtet, als integrativer Ansatz, der insbesondere für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsorganisation, denen die Symbolisierung Schwierigkeiten bereitet, relevant ist. Nachdem man also die Überschneidungen der Ich-Psychologie mit der Objektbeziehungstheorie erkannt hatte, betrachtete man Otto F. Kernberg in Lateinamerika zunächst in erster Linie als einen Objektbeziehungstheoretiker. Nach und nach erst, als seine Theorie auch die für Kleins paranoid-schizoide Position charakteristische Spaltung miteinbezog, verstand man, dass er eine Wiederannäherung von Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie repräsentierte. Kernbergs Methode zur Behandlung von Borderline-Patienten, die „Übertragungsfokussierte Psychotherapie“ (TFP), ist in Mexiko sehr weit verbreitet (Kernberg, Yeomans, Clarkin et al. 2008). Weil Kernberg von Österreich aus zuerst nach Chile emigrierte und dort auch Medizin studierte, betrachtet man ihn in gewisser Weise als einen lateinamerikanischen Theoretiker. Aufgrund seiner Kenntnis der spanischen Sprache, seiner Vortragsreisen auf dem lateinamerikanischen Kontinent und der Tatsache, dass viele seiner Bücher auf Spanisch verfasst oder ins Spanische übersetzt wurden, ist seine Theorie (sowohl in ihren ich-psychologischen als auch in ihren objektbeziehungstheoretischen Aspekten) in Lateinamerika gut zugänglich. Nach Mexiko wird nun Chile zum zweiten lateinamerikanischen Land, in dem man Aspekte

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