Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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IV. SCHLUSS

In Nordamerika hält die zeitgenössische Ich-Psychologie daran fest, dass ein großer Anteil sämtlicher Aspekte der Psyche unbewusst operiert. Dazu zählen auch konflikthafte Interaktionen in und zwischen Es, Ich und Über-Ich und der äußeren Welt mit ihren Objekten und ihren Repräsentanzen, die eine große Bandbreite an Kompromissbildungen entstehen lassen. Diese wiederum sind an der psychischen Gesundheit und der Kreativität ebenso wie an Erkrankungen beteiligt. Zeitgenössische Ich-Psychologen vertreten die Auffassung, dass die Bedeutung, Tiefe und Intensität der Erfahrung aus der durch Phantasie, Übertragung und das Verständnis der Integration der affektiven Dichte des Primärvorgangs bewirkten Integration von Bewusstem und Unbewusstem mit der Sprache des Sekundärvorgangs hervorgeht, die den tiefsten Wurzeln der Existenz entspringt. In ebendiesem Kontext untersucht die Ich-Psychologie die mannigfaltigen Rollen, die das Ich im psychischen Konflikt spielt, und die komplexen Zusammenhänge des Geschehens im Ich mitsamt seinen Abwehr- und autonomen Funktionen und der Ich-Stärke. Das Zusammenspiel intrapsychischer und interpsychischer Prozesse entfaltet sich unter wechselnden inneren und äußeren – auch traumatischen – Bedingungen im Leben und in der analytischen Situation. Die Entwicklungen und Transformationen von Trieben, Abwehrvorgängen und internalisierten kulturellen und ethischen Werten beeinflussen – und werden ihrerseits beeinflusst durch – das autonome Geschehen im Ich, seine Stärke und seine Resilienz. Indem die Ich-Psychologie Erkenntnisse aus anderen Denkschulen integrierte, gelangte sie zu der Sichtweise, dass eine Vielzahl von Entwicklungs- und klinischen Phänomenen gleichzeitig stattfinden. Die heutige klinische und theoretische Ich-Psychologie nimmt an, dass Deutungen ihre Wirkung an der Schwelle der Bereitschaft zur Einsicht entfalten, nicht steril, sondern affektiv getönt sind, und dass der analytische Prozess an sich mit Kompromissbildungen sowohl des Analytikers als auch des Analysanden einhergeht. Übertragung und Gegenübertragung werden als komplexe, überdeterminierte Erfahrungen beschrieben. Ein solches facettenreiches Verständnis der geschichteten intrapsychischen und interpsychischen Übertragungsprozesse beider Beteiligter, die „in der Übertragung“ arbeiten, kann das Mentalisieren verbessern, das am Erwerb einer psychoanalytischen Sensibilität oder Geneigtheit beteiligt ist. Diese wiederum ist unabdingbar für den Erfolg der Deutungstechnik. Ich-Funktionen tragen zur Wahrnehmung des Körper-Ichs, seiner dynamischen Bedeutung und ihrer mentalen Repräsentationen bei. Reaktionen auf Traumata können im Sinne unbewusster Ich- Mechanismen verstanden werden, die den „Zero-Prozess“ bestimmen, in dem das Trauma stets „darauf wartet, sich zu ereignen“. Ich-psychologische Konzepte helfen, Techniken zu beschreiben und abzustecken, etwa die Rekonstruktion pathogener (früherer und gegenwärtiger)

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