Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III Cg. Ich-Psychologie und Erfahrung Ein wesentliches Attribut der normalen Ich-Aktivität sind die Hervorbringung, Formierung und Integration dessen, was unsere subjektive, bewusste und unbewusste Erfahrung konstituiert. Subjektive Erfahrung ist seit jeher eine philophische Frage, doch der Psychoanalyse geht es darum, die inneren Kräfte, die Mechanismen und die Dynamik zu erhellen, die unser Erleben formen und produzieren. In einem gewissen Sinn spielt „Erfahrung“ als solche zwar eine zentrale Rolle im klinischen Diskurs, wird aber entweder als das „Endergebnis“ und emergentes Produkt solcher Faktoren „erklärt“ oder als in Erzählung gefasster Signifikant dieser inneren Dynamik. Gleichwohl beschreiben Patienten Erfahrungen, und die Sprache, in der Psychoanalytiker und Psychotherapeuten mit ihnen sprechen, ist eine erfahrungsbezogene Sprache. Dies mag einer der Faktoren sein, der das Schicksal der Ich-Psychologie der Hartmann-Ära beeinflusst hat, die häufig als „erfahrungsfern“ kritisiert wurde (Kohut 1971). Die Sprache des „Selbst“ und der „Beziehung“ scheint besser geeignet, solche Erfahrungsaspekte zu fassen, auch wenn sie gleichzeit ignoriert, dass solche kommunizierbaren Beobachtungen letztlich auf zugrunde liegenden Ich- Funktionen beruhen , die sie produzieren und aufrechterhalten (Grossman 1982). Erikson sah sich mit diesem Thema konfrontiert, als er das Identitätskonzept in die Psychoanalyse einzuführen versuchte. Er wollte die Schwierigkeit lösen, indem er zuerst das Konzept der Ich-Identität präsentierte, weil Identität in einem gewissen Sinn ein strukturelles Konstrukt ist, in einem anderen Sinn aber ein Phänomen unserer Erfahrung (Erikson 1956/1973). Ebendiesen Einwand brachten einige Ich-Psychologen gegen das Identitätskonzept vor. Sie kritisierten eine mangelnde metapsychologische Stringenz und intrapsychische Klarheit der Definition (Abend 1974). Vor einigen Jahren unternahm Shmuel Erlich einen weiteren Versuch, diese Schwierigkeiten zu lösen und sie konzeptuell mit psychoanalytischen Modellen zu integrieren, indem er unterschiedliche Erfahrungsmodi beschrieb (Erlich und Blatt 1985; Ehrlich 1998, 2003). Er nimmt an, dass die Verarbeitung innerer und äußerer Daten (Wahrnehmungs-, kognitive und affektive Informationen) auf zwei parallelen, miteinander zusammenhängenden, kontinuierlichen Dimensionen des Erlebens von Selbst und Anderer erfolgt. Einer dieser Modi ist die Erfahrung von Getrenntheit und Differenziertheit, der andere ein Erleben von Verbindung, Einheit und Verschmelzen von Selbst und Anderer. Der Modus der Getrenntheit bringt Erfahrungen der Kausalität, Zielgerichtetheit und Intentionalität, der Logik und Objektivität (z.B. des wissenschaftlichen Denkens), ein lineares Zeiterleben und die Betrachtung der Realität unter dem Aspekt von Ursache-Wirkung hervor. Triebbedingte Erfahrungen (z.B. das Erleben von Begehren) finden ebenfalls in diesem Modus statt, weil Verlangen und Begehren auf ein Objekt gerichtet sind, das als getrennt vom Selbst erlebt wird und zur Triebbefriedigung notwendig ist.

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