Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Paranoide Patienten projizieren ihre unvereinbaren Erfahrungen in die Außenwelt, so dass die innere mit der äußeren Welt in Konflikt gerät. Diese typischen Methoden einer unzulänglichen Bewältigung psychischer Konflikte wurden nach und nach in sukzessive Phasen der Theorieentwicklung strukturiert. II. A. Das Trauma und die voranalytische kathartische Periode (1893-1899) In diesem Zeitraum spricht Freud von Konflikten zwischen Affekten, die mit traumatischen Erlebnissen und mit den moralischen Verboten der Gesellschaft zusammenhängen. An diesen interpersonalen Konflikten zwischen Innen und Außen sind innere gegensätzliche Kräfte beteiligt (Freud 1893-1895). Als Freud 1899 Träume und hysterische Symptome miteinander verglich, erinnerte er an seine Ausführungen über den Konflikt, die er 1894 verfasst hatte: „Nicht allein der Traum allein ist eine Wunscherfüllung, auch der hysterische Anfall. […] da ich es frühzeitig schon […] erkannt habe. Realität – Wunscherfüllung, aus diesen Gegensätzen sprießt unser psychisches Leben“ (Freud 1985, S. 278). Freud entdeckte in seiner frühen Arbeit mit hysterischen Patientinnen, dass deren sexuelle Bedürfnisse den gesellschaftlichen Normen zuwiderliefen und dass die pathologische Lösung dieses Konflikts das Symptom war. Symptome entstehen als unzulängliche Konfliktbewältigung: „Bei den von mir analysierten Patienten hatte nämlich psychische Gesundheit bis zu dem Moment bestanden, in dem ein Fall von Unverträglichkeit in ihrem Vorstellungsleben vorfiel , d.h. bis ein Erlebnis , eine Vorstellung, Empfindung an ihr Ich herantrat, welches einen so peinlichen Affekt erweckte, dass die Person beschloss, daran zu vergessen, weil sie sich nicht die Kraft zutraute, den Widerspruch dieser unverträglichen Vorstellung mit ihrem Ich durch Denkarbeit zu lösen“ (Freud 1894a, S. 47). Mit Blick auf Josefs Breuers Erfahrungen mit Anna O. und Charcots Demonstrationen der posttraumatischen hysterischen Lähmungen sowie der experimentell erzeugten hysterischen Lähmungen und ihrer Rücknahme durch hypnotische Suggestion vermuteten Freud und Breuer, dass im Falle der Konversionshysterie spezifische psychische Umstände bewirkten, dass starke traumatische Affekte nicht abreagiert werden konnten, sondern in körperliche Symptome umgewandelt wurden (Freud und Breuer 1895). Diese Symptome fanden körperlichen Ausdruck, waren aber nicht körperlichen Ursprungs; sie hatten lediglich die Funktion, das Ereignis, das die Entwicklung der Hysterie getriggert hatte, zu symbolisieren. Der Weg zur Erinnerung an den auslösenden Vorgang war abgeschnitten, vom Bewusstsein dissoziiert. Dazu Freud: „Bei der traumatischen Neurose ist ja nicht die geringfügige körperliche Verletzung die wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreck-affekt, das psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich aus unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die meisten hysterischen Symptome Anlässe, die man als psychische Traumen bezeichnen muss. Als solches kann jedes Erlebnis wirken, welches die peinlichen

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