Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

seiner ‚magischen Omnipotenz‘, die es aus dem Gefühl ableitet, daß es Anteil an den magischen Kräften seiner Mutter hat“ (Fonagy 2003 [2001], S. 75). Die Subphase der Wiederannäherung beginnt im 15. bis 18. Lebensmonat und dauert bis etwa zur Vollendung des zweiten Lebensjahres. Das Kind entwickelt ein geschärftes Gewahrsein der Getrenntheit; damit tauchen die Trennungsangst und ein verstärktes Bedürfnis auf, bei der Mutter zu sein (Mahler et al. 1978 [1975). Das Kind, das zuvor immer selbständiger wurde, realisiert nach und nach, dass es ein winzig kleiner Fisch in einem sehr großen Meer ist. Ihm geht sein ideales Selbstgefühl verloren und es beginnt, sich vor Trennungen von der Mutter zu fürchten. Es begreift, dass die Mutter in Wirklichkeit von ihm selbst getrennt ist und ihm nicht unausgesetzt zur Verfügung steht. Dies löst die „Krise der Wiederannäherung“ aus, die etwa vom 18. bis zum 24. Lebensmonat dauert. Die affektive Einstellung des Kindes ist laut Mahler ambivalent; einerseits will es sich an die Mutter klammern, andererseits empfindet es ein starkes Bedürfnis nach Getrenntheit. Mithin erreichen Spaltungsvorgänge in dieser Phase einen Höhepunkt (Greenberg und Mitchell 1983). Zugleich vollzieht sich eine rasante Entwicklung der autonomen Ich-Funktionen, die sich vor allem durch bemerkenswerte Fortschritte des Spracherwerbs und durch das Auftauchen einer Realitätsprüfung bemerkbar macht. Geschlechtsunterschiede und Geschlechtsidentität treten ins Bewusstsein und interagieren mit dem Differenzierungsprozess. Während der Wiederannäherungsphase wird das Kind durch selektive Identifizierungen mit der kompetenten, toleranten, liebevollen Mutter für den allmählichen Verlust der infantilen Omnipotenz entschädigt (Blum, 2004b). Mahler betonte den Erwerb der Objektkonstanz (der voraussetzt, dass das Kind ambivalente Gefühle zu tolerieren vermag) sowie den Erwerb der Selbstkonstanz als abschließende Subphase der Separation-Individuation. Mit dieser Entwicklung erreicht das Kind im dritten Lebensjahr einen wichtigen Meilenstein. Die beiden vorrangigen Aufgaben dieser Phase sind der Aufbau eines stabilen Selbst- und die Entwicklung eines stabilen Objektkonzepts im Kontext sämtlicher Objektbeziehungen des Kindes (Greenberg und Michell 1983). Diese Errungenschaften ermöglichen es ihm, ein Gewahrsein seiner eigenen Individualität und der Anderen als einer inneren, positiv besetzten Präsenz aufrechtzuerhalten. Es kann eigenständig in Abwesenheit der Mutter/der Anderen funktionieren und beginnt, umfassender zu verstehen, dass sein eigenes Erleben und das der Mutter nicht identisch sind, dass die Mutter eine von ihm selbst getrennte Psyche besitzt und dass sie eigene Interessen und Absichten hegt. Weil das Kleinkind die Güte seiner Mutter und ihre Regulationsfunktionen mittlerweile internalisiert hat, fällt es ihm leichter, Trennungen, Versagungen und Enttäuschungen zu tolerieren. Seine Autonomie, Individuation, Getrenntheit und Eigenständigkeit entwickeln sich weiter. Es ist Mahler gelungen, die klassische Triebtheorie und die entwicklungspsychologische Objektbeziehungstheorie in ihrem Konzept der Symbiose, das sowohl eine in der Realität bestehende Beziehung als auch eine libidinös determinierte innere Phantasie erfasst, zusammenzuführen (Greenberg und Mitchell 1983). Mit ihrer Verwendung von Hartmanns Konzepten der

275

Made with FlippingBook - Online magazine maker