Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN Tri-regionaler Eintrag Interregionale Berater: Steven Groarke (Europa), Leigh Tobias (Nordamerika) und Abel Fainstein (Lateinamerika) Interregionaler Koordinierender Co-Chair: Eva D. Papiasvili (Nordamerika)

I. EINLEITUNG UND EINLEITENDE DEFINITION

Der Begriff “Objektbeziehungstheorie” wurde von W.R.D. Fairbairn (1943, 1944) geprägt. Im Allgemeinen bezeichnet er einen – je unterschiedlich definierten – Satz psychoanalytischer, entwicklungspsychologischer und struktureller Hypothesen, die das Bedürfnis des Kindes, Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, ins Zentrum der menschlichen Motivation rücken. Präziser formuliert, handelt es sich um eine psychoanalytische Theorie oder einen Satz miteinander zusammenhängender Theorien, die davon ausgehen, dass Menschen von Beginn ihres Lebens an das Bedürfnis haben, Kontakt aufzunehmen und Beziehung einzugehen, statt lediglich Triebimpulse zu befriedigen, um Energie abzuführen. Die kommunikative Interaktion mit inneren wie auch äußeren Anderen, mit „Objekten“ also, ist für dieses Verständnis des menschlichen Lebens von vorrangiger Bedeutung und beginnt mit der Bildung primitiver emotionaler Bindungen zwischen Säuglingen und ihren Bezugspersonen. Die damit einhergehenden primitiven emotionalen und körperlichen Interaktionen bestimmen, auf welche Weise äußere wie auch innere „Objekte“ vom Subjekt wahrgenommen und erlebt werden. Dass die Definitionen der objektbeziehungstheoretischen Hypothesen und Theorien in der zeitgenössischen Literatur und in den regionalen Wörterbüchern aller drei psychoanalytischen Kontinente durchaus voneinander abweichen (Moore und Fine 1990; Auchincloss und Samberg 2012; Skelton 2006; de Mijolla 2013; Borensztejn 2014), illustriert die folgende Zitatauswahl. Psychoanalytische Objektbeziehungstheorien bilden „ein System psychologischer Erklärungen, dem die Voraussetzung zugrunde liegt, dass die Psyche durch Internalisierungsprozesse aufgebaut wird und aus verinnerlichten äußeren Elementen besteht, bei denen es sich in erster Linie um Aspekte des Funktionierens anderer Personen handelt. Dieses psychische Modell erklärt mentale Funktionen unter dem Blickwinkel der Beziehungen zwischen den verschiedenen verinnerlichten/internalisierten Elementen“ (Moore und Fine 1990). In ähnlicher Weise erläutert Skelton (2006), dass die Objektbeziehungstheorie vorrangig auf die „innersten Beziehungsphantasien“ fokussiere, während Hinshelwood (1991) von einer breiteren Sicht kleinianischer und nicht-kleinianischer Objektbeziehungstheorien ausgeht, die im Wesentlichen auf „den Zustand und Charakter der Objekte“ abheben. Otto Kernbergs Beitrag zu dem von De Mijolla (2013) herausgegebenen International Dictionary of Psychoanalysis ist ein aktuelles Beispiel für die Verflechtung und Vermischung unterschiedlicher

281

Made with FlippingBook - Online magazine maker