Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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1984) sowie Milners (1952) Vergleich des Settings mit dem Rahmen eines Bildes und erarbeitet auf dieser Basis seine Auffassung, dass der „Rahmen“ nicht nur zur Begrenzung dient (Bleger 1967), sondern darüber hinaus auch „eine abgetrennte Realität umfriedet“ (Modell 1988, S. 585). Darin erzeugt das einzigartige „vertragliche und kommunikative Arrangement zwischen den beiden Beteiligten“ (ebd.) die Übertragungsillusion, die Modell mit der Erzeugung von Illusion im Theater vergleicht (siehe auch McDougall 1986). Die Abstimmung auf das im breiten Sinn dynamisch verstandene Setting ist in der modernen nordamerikanischen Theorie, in der bionianischen Tradition und in den feldtheoretischen Ansätzen (Goldberg 2009; Peltz und Goldberg 2013), in der interpersonalen Psychoanalyse (Levenson 1987; Stern 2009) und in den relationalen Schulen (z.B. Aron 2001; Bass 2007) gewachsen. So schrieb Hoffman (2001) in Anlehnung an Gill, Mitchell und die relationale Gruppe über das Wechselspiel von Ritual und Spontaneität. Er untersuchte zudem die Notwendigkeit der Regeln und ihrer Außerkraftsetzung. Während man José Bleger in der nordamerikanischen Psychoanalyse erst seit relativ kurzer Zeit zur Kenntnis nimmt, wurde Racker (1968) schon früh übersetzt. Seine Schriften haben die Forschung am William Alanson White Institute unter Sullivan und Thompson sowie in der späteren Phase die von Levenson, Mitchell, Daniel Stern und anderen entwickelte intersubjektive, interpersonale Arbeit beeinflusst. Zeitgenössische relationale Theoretiker wie Bass (2007) gehen davon aus, dass die analytische Arbeit quasi als ein Raum gerahmt wird, in dem sich zwei Personen in einem bipersonalen Feld befinden. Im Gegensatz zu Langs betont Bass allerdings die individuelle Einzigartigkeit: „One size never fits all“ (S. 12). Das Hier und Jetzt ist von Beziehungserfahrungen der Vergangenheit durchdrungen – eine Denkweise, die sowohl den Barangers als auch Bleger sehr nahe kommt. In Blegers Sicht ist das Setting besonders gut mit Zwei-Personen-Modellen des analytischen Prozesses vereinbar, einschließlich der Überlegung, dass gesellschaftliche, institutionelle sowie metatheoretische Aspekte im Setting ausgelebt werden und aktiv sind. Auf ähnliche Weise wie Bleger entwickelte Peter Goldberg (2009) eine Perspektive, in der sich der Rahmen/das Setting im Bion’schen Sinn als die Struktur erweist, in der psychotische Ängste projiziert und gehalten werden. Goldberg zufolge wird der Rahmen zum Schauplatz, auf dem entweder der Analytiker oder der Analysand beschädigte oder psychotische Selbstanteile externalisieren. Um all die abgespaltenen Aspekte der Übertragungs-Gegenübertragungsdynamik im individuellen Fall zu verstehen, untersucht man den Rahmen, die vermeintlich einfachen Elemente des Rahmens oder Settings, die durch Auslagerungs- und Projektionsprozesse entstellt und toxisch gemacht wurden. Die gefährlichen Fragmente des Selbst oder anderer können sich im Rahmen verbergen und solange unauffällig und außeranalytisch bleiben, bis es dem Analytiker gelingt, diese

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