Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Beteiligten liebevolle Ich-Unterstützung empfangen und gewähren können” (S. 12). Diese Definition stützt sich auf Takeo Dois (1973) Begriffsdefinition, die Daniel Freeman (1998) in der ich-psychologischen Terminologie im Sinne einer “interaktiven gemeinsamen Regression im Dienste des Ichs, die das progressive intrapsychische Wachstum und die Entwicklung beider Beteiligter fördert” (S. 47), erweitert hat. Die Herausgeber des Japanese Dictionary of Psychoanalysis (Okonogi, Kitayama, Ushijima et al., 2002) rekurrieren ebenfalls auf Dois Definition und verweisen auf die Kompliziertheiten der in den dynamischen Grundlagen von amae enthaltenen, in der präverbalen Phase gründenden emotionalen Abhängigkeit. Kein bekanntes Wörterbuch oder Glossar, das in Europa und Lateinamerika in einer der IPV-Sprachen publiziert wurde, führt amae als Lemma an. Bislang ist der Begriff in der breiteren psychoanalytischen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Diesem Eintrag liegen die oben genannten Quellen zugrunde.

II. ENTWICKLUNG DES KONZEPTS

Zur Beschreibung eines psychologischen Phänomens wurde der Begriff amae von Takeo Doi 1971 in seinem – auf Japanisch verfassten - Buch The Anatomy of Dependence eingeführt, das 1973 ins Englische übersetzt wurde. Doi beschrieb darin eine Vielfalt von amae- Verhaltensweisen in japanischen sozialen und klinischen Interaktionen und vertrat die Ansicht, dass das amae -Konzept für das Verständnis der japanischen Psychologie von wesentlicher Bedeutung sei. Er übersetzte amae mit “dependence or emotional dependence” - “Abhängigkeit oder emotionale Abhängigkeit” – ins Englische und definierte amaeru wie folgt: “to depend or presume upon another’s benevolence” - “vom Wohlwollen eines anderen Menschen abhängig sein oder es in Anspruch nehmen” (Doi, 1973). Doi versteht amae als ein Signal der “Hilflosigkeit und des Bedürfnisses, geliebt zu werden”, und setzt dies mit Abhängigkeitsbedürfnissen gleich. Ihren Prototyp sieht er in der Beziehung des Kleinkindes zur Mutter, wohlgemerkt: nicht des Neugeborenen, sondern des Kleinkindes, das bereits gelernt hat, dass die Mutter unabhängig von ihm selbst existiert (Doi, 1973). In einer späteren Publikation erweitert Doi (1989) die dynamische Formulierung von amae wie folgt: “Ein weiterer wichtiger Aspekt des Begriffs amae ist folgende Besonderheit: Er verweist zwar in erster Linie auf einen zufriedenen psychischen Zustand, in dem das Liebesbedürfnis durch die Liebe eines anderen Menschen befriedigt wird, kann aber auch dieses Liebesbedürfnis an sich bezeichnen, weil man nicht immer auf die Liebe des Anderen zählen kann, so sehr man es sich auch wünscht. Das bedeutet, dass der Zustand der Frustration von amae , für deren verschiedene Phasen es eine ganze Reihe japanischer Wörter gibt, ebenfalls als

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