Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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gesamten Werk hielt Freud an dieser Doppeldeutigkeit des Wortes „Ich“ fest, indem er das Selbst manchmal mit dem Ich gleichsetzte, manchmal mit der ganzen Person und immer wieder auch mit einem Aspekt des Ichs. „Selbst“ taucht erstmals in einem Kompositum in Freuds früher Theorie auf, und zwar im Zusammenhang mit dem von ihm postulierten Gegensatz zwischen den Selbsterhaltungs- und den Sexualtrieben: „[…] unterscheiden wir auch in der Psychoanalyse die Selbsterhaltungs- oder Ich-Triebe von den Sexualtrieben“ (Freud 1917a, S. 4). Strachey übersetzt: „[…] in psycho-analysis too we make a distinction between the self-preservative or ego-instincts on the one hand and the sexual instincts on the other“ Freud 1917b, S.137). Freud betonte zwar, dass die Psyche/Seele geteilt sei und maßgeblich von unbewussten Trieben beeinflusst werde, doch es ging ihm nicht darum, ein Selbst von einem Ich zu unterscheiden. Was Psychoanalytiker heutzutage als Selbsterleben/Selbsterfahrung betrachten mögen, suchte er mithilfe seiner Narzissmustheorie zu erklären. In seinem Beitrag „Zur Einführung des Narzissmus“ untersuchte er Phänomene wie Omnipotenz, Grandiosität, Idealisierung und Objektwahl unter dem Aspekt des Narzissmus (Freud 1914). Während er die Objektliebe als Entwicklungsziel betrachtete, verstand er den Narzissmus tendenziell als etwas, das vom Kind überwunden werden muss. Einsichten der Selbstpsychologie vorwegnehmend, erkannte er, dass die fortdauernde Macht des infantilen Narzissmus mit der Wahrung des Selbstwertgefühls zusammenhängt, das durch die Verwirklichung der eigenen Ich-Ideale aufgebaut wird, indem man jemanden liebt, der ebendiese idealen Eigenschaften besitzt, oder indem man von einem solchen Menschen geliebt wird. In „Zur Einführung des Narzissmus“ führt er unter der Objektwahl „nach dem narzisstischen Typus“ auch auf: „die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war” (Freud 1914, S. 156). Die Hoffnungen und Erwartungen, mit denen sich der Patient in analytische Behandlung begibt, werden dann zur Hoffnung auf “Heilung durch Liebe” (ebd., S. 169). In den 1930er Jahren taucht der Begriff erneut als Entsprechung zu “Ich” auf, wenn Freud (1930b) erklärt: “Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs” (S. 423). Wenn Freud (1923) die Auffassung vertritt, “daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen” (S. 257) sei, weil das verlorene Objekt durch Introjektion, Einverleibung und Identifizierung im Innern aufgerichtet werde, gibt er offenbar zu verstehen, dass sich das, was spätere Theoretiker als “das Selbst” bezeichnen, entwickelt, indem die libidinösen, auf die Eltern gerichteten Strebungen nach und nach durch Identifizierungen ersetzt werden. Dies steht im Einklang mit den früheren Beiträgen “Zur Einführung des Narzissmus” (Freud 1914) sowie “Trauer und Melancholie” (Freud 1917). Die Identifizierung wird somit zur Verbindung zwischen der intrapsychischen und der interpersonalen Welt des Kindes. Sie ermöglicht es auch, dass die “Realität” eine größere Rolle für die Selbstentwicklung spielt, und bahnt so den post-freudianischen Schulen sowie den Konzipierungen des Selbst und seiner Entwicklung in der Ich-Psychologie, in den

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