Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Aspekt dieses Umstands: Der Patient kann für den Analytiker „ein Objekt der Vergangenheit repräsentieren, auf das Gefühle und Wünsche aus der Vergangenheit projiziert werden“ (Reich 1951, S. 26). Weil die Übertragung ubiquitär ist, erwartet man demnach, dass Analytiker ebensolche Übertragungen auf ihre Patienten entwickeln wie umgekehrt. (Die Gefühle beider Beteiligter werden weitgehend unbewusst sein.) Dies illustriert auch eine Bemerkung in „Die endliche und die unendliche Analyse“ (Freud 1937b). Hier betont Freud, das durch den ständigen Kontakt mit dem Verdrängten des Patienten womöglich auch im Analytiker Triebanforderungen „wachgerüttelt“ (S. 95) werden, die er unter anderen Umständen „in der Unterdrückung erhalten“ (ebd.) könnte. Auch dies, so schreibt er, sind „Gefahren der Analyse“ (ebd.), die eine periodische Selbstanalyse erforderlich machen. Verglichen mit früheren Aussagen wird hier ganz eindeutig ein anderer Aspekt der Patient- Analytiker-Beziehung erkennbar; Reaktionen auf das Unbewusste des Patienten können Prozesse und sogar Veränderungen im Analytiker in Gang setzen. Obgleich die Gegenübertragung in der Frühzeit vor allem als Risiko angesehen wurde – weil man annahm, dass die Übertragungen des Analytikers auf den Patienten ihm eine leidenschaftslose Beurteilung desselben unmöglich machen und seine Objektivität, Neutralität und klinische Effektivität beeinträchtigen würden –, ist die Gegenübertragung in Freuds späterer Perspektive, in der jener zuvor sich lediglich andeutende „andere“ Zug seiner Überlegungen zu dem Thema kulminiert, nicht nur eine Frage der rein intra psychischen Dynamik des Analytikers, sondern auch das Ergebnis inter psychischer Prozesse. Diese Perspektive weist klar erkennbar auf spätere Entwicklungen voraus. II. B. Grundlegende Merkmale des breiteren Konzepts (Späte 1920er bis frühe 1950er Jahre in Ungarn, England und Argentinien) Der Paradigmenwechsel, der die Gegenübertragung von einem Hindernis in ein nützliches Instrument verwandelte, setzte Ende der 1920er Jahre ein, als Sándor Ferenczi (1927, 1928, 1932) das Diktum der psychoanalytischen Neutralität (und Abstinenz) in der Behandlung traumatisierter Patienten infrage stellte und die Position des Analytikers als die eines teilnehmenden Beobachters beschrieb. Michael Balint (1935, 1950; Balint und Balint 1939), Ferenczis Schüler und Übersetzer, unterschied in den folgenden Jahren zwischen den „klassischen“ und den „romantischen“ Beschreibungen der analytischen Behandlungsziele: Während die „klassischen“ Autoren – beginnend mit Freud – den Gewinn von Einsicht betonen und als Ziele strukturelle, das Ich stärkende Veränderungen der Psyche anvisieren, legen die „romantischen“ Autoren – die frühen Objektbeziehungstheoretiker, Ferenczi und auch Balint selbst mit seinem Konzept des „Neubeginns“ – den Akzent auf die Dynamik oder die emotionalen Faktoren (Balint 1935, S. 190). Ferenczis (1909) früherer

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