Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

SELBST Tri-Regionaler Eintrag

Interregionales Editorial Board: Gary Schlesinger (Nordamerika), Rafael Groisman (Lateinamerika) und Sandra Maestro (Europa) Inter-Regional Coordinating Co-Chair: Eva D. Papiasvili (Nordamerika)

I. EINLEITUNG UND EINLEITENDE DEFINITION

Dem Philosophen Charles Taylor zufolge ist das “Selbst” ein modernes, von der abendländischen Kultur hervorgebrachtes Phänomen (Taylor 1989, S. 304). Taylor behauptet, dass das Verständnis des Selbst als Person, die sowohl nach Autonomie als auch nach Bezogenheit strebt, einen Fokus auf die eigene Subjektivität mitsamt ihrer “inneren” und ihrer “kommunitären” Dimension zu erkennen gibt. Insoweit man die Psychoanalyse als eine tiefenpsychologische Untersuchung menschlicher Subjektivität betrachten kann, ist das Selbst ein zentrales, wenngleich schwer fassbares, mehrdeutiges und umstrittenes Konzept. Die konzeptuelle Heterodoxie findet Ausdruck in den neueren psychoanalytischen Wörterbüchern und den Begriffsdefinitionen, die in den drei IPV- Regionen gebräuchlich sind. In Nordamerika erläutern Auchincloss und Samberg (2012), dass Psychoanalytiker den Begriff „Selbst“ zur Beschreibung ganz unterschiedlicher Phänomene benutzen. So bezeichnet er (1) eine ganze Person einschließlich Körper und Geist/Psyche in der Außenwelt; (2) eine subjektive, um das „Ich“ [„I“] organisierte Erfahrung; (3) eine Repräsentation oder eine Ansammlung von Repräsentationen im Ich [„ego“]; (4) eine Phantasie vom Selbst, in der das imaginierende Subjekt mitsamt seinen verschiedenen emotionalen und interaktiven Aspekten eine wichtige Rolle spielt; und (5) unter dem Blickwinkel der Selbstpsychologie einen persönlichen psychischen Kern, der die Erfahrung und das Handeln bestimmt. In Europa unterstreicht Skelton (2006) zusätzlich den Jung’schen Aspekt des Selbst als Grundlage der psychischen Ganzheit, die ein Auseinanderfallen der Psyche verhindert und die Gesamtheit des unbewussten und des bewussten Systems umfasst, sowie das Selbst als „Subjekt“, „Objekt“ und „Projekt des Seins“ der existenzialen metapsychologischen Perspektive. In Lateinamerika findet sich in keinem modernen regionalen Wörterbuch ein Eintrag „Selbst“, wenngleich unterschiedliche Modelle entwickelt wurden, etwa das Selbst als Subsystem des „Ichs“ [„I“], als Struktur, als Selbst-Person sowie ein auf der

616

Made with FlippingBook - Online magazine maker