Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Übertragung residualer früher unbewusster Zustände vom Analytiker auf den Analysanden. In dieser breiteren Perspektive bezeichnet der Begriff „Gegenübertragung“ sämtliche Gefühle, Phantasien und Erfahrungen jeglicher Art, die ein Therapeut bezüglich eines Patienten entwickeln kann, das heißt, nicht lediglich jene, die sich aus seinen eigenen unbewussten Trieben und Ängsten, inneren Objekten und wichtigen früheren Beziehungen herleiten. Diese erweiterte Definition der Gegenübertragung wurde zur gleichen Zeit auch von anderen prominenten Theoretikern befürwortet, zum Beispiel von Donald Winnicott (1949) in England und Heinrich Racker in Argentinien (1948, 1953, 1957, 1968). Diese parallelen Entwicklungen in England und Lateinamerika wurden von Horacio Etchegoyen (1986) kommentiert. Er betonte, dass Heimann und Racker völlig unabhängig voneinander arbeiteten und sowohl zu verblüffend ähnlichen als auch zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangten. Als Heimann ihre Auffassung der Gegenübertragung konzeptualisierte, diskutierte man in England gerade lebhaft über die Einführung des von der kleinianischen Schule formulierten Konzepts der „ projektiven Identifizierung “ (Klein 1946; Meltzer 1973). Wenngleich der Begriff „projektive Identifizierung“ zuvor schon von Edoardo Weiss (1925) und Marjorie Brierley (1944) benutzt worden war, schreibt man die Formulierung des Konzepts und der mit dem Mechanismus einhergehenden omnipotenten Phantasie, in ein Objekt einzudringen , gewöhnlich Melanie Klein zu. Klein selbst scheint sich für die klinische Arbeit mit der Gegenübertragung nicht interessiert zu haben (Spillius 1994), doch ihr Konzept der projektiven Identifizierung hängt eng mit dem Gegenübertragungskonzept in seinem breiteren Sinn zusammen: Projektive Identifizierung (siehe den Eintrag PROJEKTIVE IDENTIFIZIERUNG) bedeutet, dass der Patient seine eigenen Gefühle in den Analytiker projiziert (ursprünglich bezog sich dies vor allem auf „böse“, destruktive Gefühle, doch auch dieses Konzept wurde später erweitert). Theoretisch bedeutet dies, auf die Gegenübertragung bezogen, dass die unbewussten Gefühle und Phantasien des Analytikers durch den Analysanden hervorgerufen werden. In Argentinien bezog Racker (1948, 1953, 1957) das Konzept der projektiven Identifizierung speziell in den klinischen Kontext der Gegenübertragung ein. In seinen Konzeptualisierungen sind sowohl freudianische als auch kleinianische Einflüsse unverkennbar. De Bernardi (2000) rückt Racker in seiner Übersicht der lateinamerikanischen Theorien zur Gegenübertragung dennoch insgesamt näher an die Kleinianer als an die Freudianer heran, weil er sich sehr stark auf das kleinianische Verständnis der unbewussten Phantasie und auf die Projektions- und Introjektionsmechanismen stützte. Racker betrachtet die Gegenübertragung als die eigene Reaktion des Analytikers auf die projektive Identifizierung des Patienten : In seinen emotionalen Reaktionen auf dessen Projektionen kann sich der Analytiker entweder mit den

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