Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Beziehung zwischen „projektiver Identifizierung“ und „Gegenübertragung“ eine wichtige Rolle. Heimanns und Rackers Überlegungen sowie die Theorien von Winnicott und anderen Autoren der unabhängigen Gruppe wurden von Grinberg (1956), Bion (1959), Ogden (1994a) und vielen anderen verfeinert und erweitert. Diese Autoren konzentrierten sich auf die Arbeit des Analytikers mit seiner Reverie und auf einen Prozess, der das analytische Objekt/Raum/Setting/Feld zu einer unterschiedlich konzeptualisierten triadischen Konfiguration macht (Baranger 1961/2008; Bleger 1967; Green 1974), die eine neue Schöpfung des Patienten und des Analytikers darstellt, ein „Drittes“, wie Ogden (1994b) es bezeichnet. In Argentinien wurde die lebhafte Diskussion über Metapsychologie und klinische Theorie zum Thema gegenübertragungsbedingter projektiv-introjektiver Austauschvorgänge (einschließlich Dramatisierungen und Enactments) durch Leon Grinbergs (1956) Konzeptualisierung einer projektiven Gegenidentifizierung zusätzlich bereichert. Während der Einsatz des Mechanismus der projektiven Identifizierung im Kontext der Gegenübertragung laut Racker und Heimann, wenngleich unterschiedlich konzeptualisiert, die identifikatorische Reaktion des Analytikers auf bestimmte innere Objekte oder Selbstanteile des Patienten darstellt, fokussierte Grinberg auf die archaischen Kommunikationsaspekte des projektiven/introjektiven Austausches ; diese Richtung wurde später von Bion aufgegriffen. Grinberg (1956) vertrat zunächst die Ansicht, dass die projektive Gegenidentifizierung sich eines „ Kurzschlusses “ in der Kommunikation des analytischen Paares bediene. Er vermutete, dass der Patient bestimmte Aspekte seiner selbst mit solch großer projektiver Wucht in die Psyche des Analytikers „hineinverlege“, dass dieser sie als passiver Empfänger ganz real und konkret assimiliert, wodurch sie zu einem Teil seiner selbst werden (S. 508). Im Zusammenhang mit dem Agieren schreibt Grinberg (1968): „Der Analytiker, der dem Einfluss der pathologischen projektiven Identifizierungen des Patienten nachgibt, reagiert auf sie womöglich so, als ob er sich die in ihn hineinprojizierten Aspekte (die inneren Objekte oder Selbstanteile des Patienten) tatsächlich zu eigen gemacht hätte. Der Analytiker fühlt sich passiv ‚hineingezogen‘ in die Rolle , die ihm der Patient, wenngleich unbewusst, buchstäblich ‚aufgezwungen‘ hat. Ich habe diese spezifische Art der Gegenübertragungsreaktion als ‚projektive Gegenidentifizierung‘ bezeichnet“ (S. 172; Hervorhebung ergänzt). Verglichen mit Rackers komplementärer Gegenübertragung, bei der die emotionale Reaktion des Analytikers auf seinen eigenen Ängsten und Konflikten beruht und der Analytiker sich mit inneren Objekten identifiziert, die denjenigen des Analysanden ähneln, verstand Grinberg die Reaktion des Analytikers als relativ unabhängig von dessen eigenen Konflikten. Grinbergs Verdienst war es zu betonen, dass das Unbewusste des Analytikers selbst nicht primär involviert ist und dass infolgedessen seine Introspektion nicht ausreicht, um sofort Zugang zu den Quellen einer solchen projektiven Gegenidentifizierung zu finden. Grinberg betonte ein Phänomen, das man Jahre später als die Irreduzierbarkeit des „ Mikro-Agierens “ der

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