Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Eric R. Marcus Marcus (1999, 2003) wies darauf hin, dass die Sachvorstellungen, wiewohl Freud sie nur dem unbewussten Denken zuschrieb, auch in bewussten Gedanken allgegenwärtig sind. Er beschrieb die Sachvorstellung als einen Typus der symbolischen Repräsentation, der den Affekt in einem Wahrnehmungsmodus repräsentiert. Die in Phantasien, Träumen, in Kunst und Architektur begegnenden Sachvorstellungen werden hier als Teil der symbolisch repräsentierten emotionalen Erfahrung des Menschen betrachtet.

Joseph Fernando

Fernando (2009) führte das Konzept des Zero-Prozesses als Möglichkeit ein, das posttraumatische psychische Geschehen zu konzeptualisieren. Er unterscheidet den Zero-Prozess sowohl vom Primär- als auch vom Sekundärvorgang und geht somit von drei maßgeblichen Organisationsweisen der Psyche aus. Da die Unterscheidung zwischen Symbolen des Primär- und des Sekundärvorgangs in vielen psychoanalytischen Konzeptualisierungen der Symbolik eine wichtige Rolle spielt (Blum 1978), wirft der Zero-Prozess die Frage nach der Beziehung des posttraumatischen Funktionierens zum Primärvorgang und zur Freud’schen Symbolik auf. Fernando (2012, 2018a, 2018b) erläutert, dass Ich-Funktionen wie Integration und Symbolisierung während des Traumas ausgeschaltet sind. Dem posttraumatischen Funktionieren, von Fernando als Zero-Prozess bezeichnet, fehlt also die normale Symbolisierung nicht allein des Sekundärvorgangs, sondern auch die des Primärvorgangs. Im Zero-Prozess bleiben die Fragmente und Fetzen von Wahrnehmung und Affekt, die zu unserem normalen Erleben der Welt zusammengeflickt werden, und unsere regulären Erinnerungen unsynthetisiert und unsymbolisiert. Zwar haben viele Autoren (z.B. Bion 2013 [1962]) ein posttraumatisches psychisches Funktionieren beschrieben; doch indem Fernandos Theorie des Zero-Prozesses diesen explizit dem Primärvorgang zur Seite stellt und das posttraumatische Funktionieren klar vom Primärvorgang unterscheidet, erleichtert sie es, präzise Vergleiche zwischen beiden Formen des psychischen Geschehens auch im Bereich der Symbolisierung anzustellen. Der Zero-Prozess und der Primärvorgang, die häufig miteinander verwechselt werden, unterscheiden sich sehr deutlich und in einer ganzen Reihe von Punkten vom regulären sekundärprozesshaften Funktionieren. Beispielsweise sind sowohl der Zero- Prozess als auch der Primärvorgang zeitlos in dem Sinn, dass sie nicht über das Zeitgefühl des Sekundärvorgangs verfügen. Allerdings sind sie auf je unterschiedliche Weise zeitlos. Der Primärvorgang bleibt von der Zeit unberührt, seine Wünsche und Phantasien erfahren durch die Zeit keinerlei Veränderung und sind auch nicht zeitlich organisiert; hingegen bewahrt der Zero-Prozess Wahrnehmungs- und

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