Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

ist – und nicht umgekehrt -, z.B. können Schizophrene „keine inneren Bilder auf ihre innere Leinwand malen“ (1979, S. 139).

Thomas Ogden (1989) hat nicht nur Kleins und Bions Beiträge (PS <–> D) auf sensible Weise weiterentwickelt, sondern auch die Arbeiten Bicks, Meltzers und Francis Tustins, indem er einen primitiven, prä-symbolischen, von Sinneswahrnehmungen dominierten Modus beschrieb, den er als autistisch-berührende Position bezeichnet: “Dieser Modus ist eine primitive, von Geburt an aktive psychische Organisation, die die elementarsten Formen menschlichen Erlebens hervorbringt. Sie wird von Sinneswahrnehmungen dominiert, so dass sich das noch völlig zusammenhanglose Selbstgefühl auf dem Rhythmus körperlicher Empfindungen, insbesondere der Hautoberfläche, aufbaut […]. Abfolgen, Symmetrien, Periodizität, Haut-an-Haut-‚Schmiegen‘ sind Beispiele für solche Kontiguitäten, aus denen nach und nach ein anfängliches, rudimentäres Selbsterleben hervorgeht.“ (S. 30f.) Entscheidend ist hier, dass die gegenseitige Berührung von Oberflächen das Erleben einer sensorischen Oberfläche erzeugt und nicht etwa das Gefühl, das zwei Oberflächen aufeinandertreffen und sich entweder gegenseitig abstoßen oder miteinander verschmelzen. Im autistisch-berührenden Erfahrungsmodus gibt es keine Symbolisierung. Körperliche Erfahrungen, Eindrücke von Gestalten, Formen und Rhythmen treten an die Stelle von Symbolen. Symbole erfordern Rahmung, eine Form, die das Symbol umfasst und es von der Erfahrung, für die es steht, abtrennt. Ohne diese Rahmung gibt es kein Symbol, sondern nur Erfahrung ohne Ort und Grenze. Ogden (1994) stellt einen Zusammenhang her zwischen Subjektwerdung und Symbolisierung und spricht von einem „ödipalen/symbolischen Dritten“, das „zwischen Symbol und Symbolisiertem steht, zwischen Selbst und unmittelbarer gelebter Erfahrung, und dadurch einen Raum schafft, in dem sich das interpretierende, selbstreflektierte, symbolisierte Subjekt herausbildet“ (S. 4, Fn.2). Dieses „ödipale/symbolische Dritte“ dient als Container des Ödipuskomplexes und unterstützt „die Triangulierung von Erfahrung. […] die emotionale Präsenz des Vaters führt das Dritte ein, den Blick von außerhalb der Mutter-Baby-Dyade. […] So verstanden, ist der Ödipuskomplex der Ausweg aus der nichtreflexiven Zweiheit der paranoid-schizoiden Position“ (Ogden 1986, S. 124-126). Unter diesem Blickwinkel taucht das menschliche Subjekt aus dem Raum (dem Dritten) zwischen zwei Subjekten, zwischen Symbol und Symbolisiertem und inmitten des triangulären Raumes von Mutter, Vater und Kind auf.

880

Made with FlippingBook - Online magazine maker