Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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IV F. Beispiele für zeitgenössische Integrationen Hans Loewald

Aus einer Position des Übergangs heraus erkennt Hans Loewald (1988) die Symbolisierung als zentrale Funktion defensiver und nicht-defensiver integrativer psychischer Aktivität an. Loewald stellt Jones’ Behauptung infrage, dass eine Symbolisierung grundsätzlich verdrängten psychischen Inhalt widerspiegelt, und nennt verschiedene Beispiele für nicht-defensive Symbolisierungsprozesse. In seinem Paradigma integrativer und desintegrativer Entwicklungen, die an der Entwicklung der psychischen Struktur wie auch des psychoanalytischen Prozesses beteiligt sind, erweist sich die Symbolisierung als eine wesentliche Triebkraft der Integration. In seinem Buch „Sublimation: Inquiries into Theoretical Psychoanalysis“ präsentiert Loewald (1988), auch im Dialog mit freudianischen Texten, eine hilfreiche zeitgenössische integrative Perspektive, der wachsende Relevanz zukommt. Loewald überbrückt das Freud’sche topische und das Strukturmodell, die postfreudianische Konflikttheorie von Trieb und Abwehr und die Ich-Psychologie sowie die kleinianische Objektbeziehungstheorie und gilt als Vater der relationalen und der intersubjektiven Schule. Seine Perspektive stimmt auch mit der französischen „dritten Topik“ und mit dem zeitgenössischen Gebrauch der Pluralität psychoanalytischer Theorien überein. (Siehe auch die Einträge DAS UNBEWUSSTE, OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN und INTERSUBJEKTIVITÄT). In diesem wegweisenden Werk erörterte Loewald, dass eine Sichtweise, die Sublimierungsprozesse in erster Linie als defensive oder illusorische Verhüllungen des unbewussten Trieblebens versteht, zu kurz greift. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei Sublimierungsprozessen häufig um fortgeschrittene Modi des psychischen Lebens, auf denen unsere Kultur und Zivilisation beruhen. In Übereinstimmung mit Klein betrachtet er die Symbolisierung als einen maßgeblichen Aspekt der Sublimierungsprozesse. Ebenso wie Winnicott und Modell geht er davon aus, dass Verschmelzungsbeziehungen die Funktion des Übergangsobjekts erfüllen. Und ähnlich wie später Gilbert Rose (1999) begreift er die Symbolisierung in Sublimierungsprozessen als ein Resultat dynamischer, sich wandelnder Erfahrungen und Prozesse einer archaischen Einheit, in die sich Differenzierung und Individuation mischen, bevor die Einheit mithilfe der Imagination einer „symbolischen Verbindung“ wiederhergestellt wird (siehe auch den Eintrag ICH-PSYCHOLOGIE). Die Gratifizierung durch kreatives Schaffen einschließlich des Schreibens hängt mit Erfahrungen der Wiederherstellung und des Einsseins zusammen, mit sich verändernden Entdifferenzierungen und der Trauer um den Verlust der Individuation sowie mit einer tiefen Verbundenheit mit der Kultur, die Menschen durch Symbolbildungen miteinander teilen. Das Symbol kann defensiv sein – „Symbolik als Verkleidung“ – und als eine schützende Schicht dienen, unter der sich tiefere emotionale Wahrheiten verbergen. Es ermöglicht die indirekte, auf Verletzlichkeit

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