Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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„Verführungstheorie“ über die traumatische Neurose / Kriegsneurose und die Abwehr- Neuropsychosen (1950c [1895], 1896c, 1919d, 1920g, 1921c, 1930a) und die Theorie der Verdrängung als elementare Form der traumatischen Neurosen spezifiziert Scarfone den unterschiedlichen Einfluss von Trauma und Verdrängung auf die Symbolbildung und die Folgen für die klinische Arbeit. (Siehe die Einträge DAS UNBEWUSSTE, OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN, INTERSUBJEKTIVITÄT). Indem Scarfone das Verständnis der Verdrängung als eine „Versagung der Übersetzung“ (Freud 1950 [1897-1902]) mit dem der „elementare[n] traumatische[n] Neurose“ (Freud 1919d) kombiniert, führt er die Freud’schen Verdrängungs- und Traumatheorien in einem erweiterten Rahmen von Laplanches Theorie der Implantierung/Intromission (Laplanche 1990) der Botschaft der Anderen (Laplanche 1999) zusammen. Wenn die Verdrängung laut Freud eine Reaktion auf ein Trauma ist, so argumentiert Scarfone (2017), kann die traumatische Neurose in ihrer ersten, elementaren Phase ebenso gut auf den disruptiven Effekt der Triebe wie auf ein äußeres traumatisches Ereignis zurückgeführt werden. So gesehen, gibt es weder ein Entweder- oder-Problem, was Trauma und Verdrängung angeht, noch die Frage von innerer oder äußerer Ursache. Welche Konsequenzen traumatische Begegnungen haben werden – traumatische Neurose oder Abwehrneurose –, hängt von der Fähigkeit des Subjekts ab, die traumatische Einwirkung im Sekundärvorgang zu verarbeiten. Ausschlaggebend ist, ob und inwieweit die Fähigkeit des Subjekts, sich selbst zu symbolisieren, operiert, und dies wiederum hängt von der Art, Form und relationalen Qualität der Botschaft (seitens der Anderen / der Bezugsperson / der Analytikerin) ab, die teils übersetzbar ist (Implantierung) und teils völlig unübersetzbar (Intromission). Wenn die Fähigkeit zur „Selbstreparatur, zur Selbstausbesserung [der psychischen Struktur] durch gewaltsame Intromission, durch ein Übersetzungsverbot oder durch eine gravierende Frustration des Liebesbedürfnisses vereitelt wird, muss die Symbolbildung mehr oder weniger, je nach Schadensgrad, scheitern (mit traumatischer Neurose und verschiedenen Formen des Wiederholungszwangs als Folge), oder es kommt zur Bildung geschlossener Symbole , wie sie für die verschiedenen Abwehrneurosen charakteristisch sind“ (Scarfone 2017, S. 24). Diese beiden unterschiedlichen Folgen erfordern zwei unterschiedliche klinische Ansätze: Während die Analyse im Fall von Neurosen ein Wiederaufschließen geschlossener Symbole anstrebt (klassische analytische Methode), muss die Arbeit im Fall von traumatischen Neurosen im eigentlichen Sinn, in denen symbolische Formen fehlen, auf die Symbolbildung an sich zielen. Brunet und Casoni (1996) untersuchen die Schicksale der Symbolisierung mit Blick auf den Übergang von nicht-symbolisiertem zu symbolisiertem psychischen Material.

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