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Angelehnt an Bion und Winnicott nehmen die Autoren an, dass dieser Übergang mit Bemühungen zusammenhängt, Verbindungen zwischen dem unbewussten Selbst und Objekterfahrungen herzustellen. Beeinträchtigungen der Symbolbildung werden folglich als Zusammenbruch solcher Verbindungen verstanden. Um bestimmte Formen therapeutischer Sackgassen zu untersuchen, führen Brunet und Casoni das Konzept der „empathischen projektiven Identifizierung“ ein, das die Klein’sche „intrusive projektive Identifizierung“ und die Bion’sche „kommunikative projektive Identifizierung“ ergänzt. Empathische projektive Identifizierung eignet sich vorzugsweise zur Schaffung von Bedingungen, die der Symbolisierung zuträglich sind. Wird die empathische projektive Identifizierung jedoch durch eine unbewusste Kollusion der Ängste des Analysanden und des Analytikers beeinträchtigt, ist letzterer nicht länger imstande, die intrusiven oder kommunikativen projektiven Identifizierungen des Patienten aufzunehmen, sich mit ihnen zu identifizieren und sie zu containen. In einem solchen Szenarium sind beide Partner gezwungen, sich entweder noch weiter in ihre eigene persönliche Welt zurückzuziehen, um Sicherheit zu finden, oder Zuflucht in der Abwehr durch Agieren bzw. Übertragungsagieren zu suchen. Als Entwicklungsmodell beschreiben die Autoren ein Kind, das bestimmte psychische Inhalte wie Angst, destruktive Impulse oder schmerzhafte Körperempfindungen nicht zu symbolisieren vermag und deshalb versucht, mit seiner Mutter zu kommunizieren, indem es diesen psychischen Inhalt in sie hineinprojiziert. Unter optimalen Umständen gelingt es der Mutter, sich mit dem emotionalen Zustand ihres Kindes zu identifizieren, ihn zu be-denken und darüber zu sprechen oder auf das, was für ihr Kind unerträglich ist oder von ihm nicht gedacht werden kann, einzuwirken, um es zu transformieren. Unter weniger günstigen Umständen ist die Mutter nicht zu einer Reverie in der Lage (Bion 1962), und das Kind wird eines missverstandenen Selbstanteils beraubt oder ist, schlimmer noch, gezwungen, eine überwältigende Angst zu reintrojizieren, gegen die es sich durch massive Abwehr zu schützen versucht. Analysepatienten werden unter Umständen mit archaischen Inhalten konfrontiert, die sie nicht symbolisieren können. Verfügt der Patient über genügend Vertrauen in die Fähigkeit der Analytikerin, diese zu containen, versucht er vielleicht, sie durch projektive Identifizierung in dem äußeren Objekt unterzubringen, und zwar nicht nur, um sie loszuwerden, sondern auch in der Hoffnung, dass seine Analytikerin sie wird symbolisieren und das Undenkbare denkbar machen können. Wenn die Analytikerin aber Schwierigkeiten hat, die Projektionen zu verstehen, kommt es zu einer Sackgasse. Klinisch können solche Sackgassen (Green 1990) infolge einer wechselseitigen Verstärkung der Angst auftauchen. Der Analysand empfindet innere Leere, Einsamkeit, hat Angst, psychisch zusammenzubrechen oder in Bodenlose zu fallen. Er macht dem Analytiker Vorwürfe und greift ihn an. Brunet und Casoni behaupten, dass gerade solche Wutausbrüche dem Analytiker häufig die Augen dafür öffnen, dass er sich mit
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