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den Projektionen des Analysanden nicht identifiziert hat und deshalb nicht imstande ist, seine Containerfunktion angemessen zu erfüllen. Erst dann können beide Beteiligte den Symbolisierungsprozess (oft in intensivierter Form) wiederaufnehmen.
IV H. Nordamerikanische relationale, interpersonale und selbstpsychologische Perspektiven Charakteristischerweise liegt die Betonung hier auf dem unmittelbar auftauchenden Erleben, so dass kaum Bedarf an Symbolisierungskonzepten besteht. Dennoch ist das Konzept, wenngleich mit Blick auf fehlende Symbolisierung im Falle dissoziativer Enactments und unformulierter Erfahrungen, präsent. Erfahrungen dieser Art können nicht symbolisiert, aber als „implizites Beziehungswissen“ erlebt werden. Andere Autoren konzentrieren sich, auch unter Berücksichtigung von Metapsychologie, Subjektivität und internalisierten affektiv-relationalen Erfahrungen, auf unterschiedliche Diskursebenen und Tiefen des psychischen Lebens. Donnel Sterns (1990, 1997, 2003, 2004, 2010) Theorie der Enactments ist eine Erweiterung und Weiterentwicklung seiner Arbeit über unformulierte Erfahrung (D. Stern 1997), die das Unbewusste auf Dissoziationsprozesse zurückführt. Stern knüpft an Philip Brombergs (1998, 2000) Verständnis der Enactments als Resultat von Dissoziation – in Abwesenheit psychischen Konflikts – an und schreibt: „1. Agierte [enacted] Erfahrung – und somit auch dissoziierte Zustände – können nicht symbolisiert werden und existieren daher in keiner anderen expliziten Form als der des Enactments an sich. Agierte Erfahrung ist unformulierte Erfahrung. 2. Weil sie unsymbolisiert sind, können dissoziierte Zustände keinen Bezug zu psychischen Zuständen haben, die wir gefahrlos als ‚Ich‘ identifizieren und bewusst als solche anerkennen können. 3. Enactment ist die Interpersonalisierung der Dissoziation: Der Konflikt, der in einer Psyche nicht erlebt werden kann, wird zwischen oder von zwei Psychen erlebt. Beiden Beteiligten ist das, was vor sich geht, daher nur teilweise bewusst. 4. Das Enactment ist Abwesenheit von innerem Konflikt. 5. Ein Enactment endet, wenn der innere Konflikt erreicht wird, und dies geschieht, wenn die dissoziierten Zustände der beiden am Enactment Beteiligten jeweils im Bewusstsein eines der beiden psychoanalytischen Beteiligten formuliert werden kann.“ (D. Stern 2004, S. 213; Hervorhebg. ergänzt) Eine Ausnahme unter den relationalen Denkern ist Lew Aron (1992a, b). Er plädiert für eine relationale epistemologische Haltung. Im Zusammenhang mit der Urszene verweist Aron (1995) auf die Notwendigkeit sowohl eines Konzeptes der Genderidentität als auch eines der Gendervielfalt. Der omnipotente Wunsch, „alles zu haben“, um die Phantasie beider Geschlechter symbolisch zu erfüllen, kann seiner Ansicht nach konstruktiv genutzt werden und sollte als wertvolle menschliche Bewegkraft Anerkennung finde. So betrachtet Aron die Internalisierung der Urszene als Bestärkung und Ausdruck der Fähigkeit, zwei kontrastierende Vorstellungen gleichzeitig zu hegen. Diese psychische Leistung wird mit der Fähigkeit, symbolisch
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