Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Triebäußerung erlauben. Diese Pfade oder „symbolischen Verknüpfungen“ datiert Sarnoff in dieselbe Entwicklungsphase wie Piaget das symbolische Spiel (vom 15. bis 24. Lebensmonat). Sie können als das psychoanalytische Analogon des symbolischen Spiels im Piaget’schen Sinn betrachtet werden. Psychoanalytische Symbole im eigentlichen Sinn entstehen infolge der Verdrängung und werden durch sie modifiziert; somit sind sie komplexere, elaboriertere Repräsentationen, während metaphorischen Symbolen eine direktere und entwicklungspsychologisch primitivere Bedeutung eignet, weil diese unmittelbar mit dem, wofür sie stehen, zusammenhängt. Andererseits hat derjenige, der psychoanalytische Symbole benutzt, eine gewisse Distanz zu den Konflikten gewonnen. In der Latenzphase wird eine solche Distanzierung möglich. Was die Aktivität des Ichs angeht, so finden in der Latenzphase weitreichende Veränderungen statt, welche die wachsende Fähigkeit des Kindes, Symbole zu benutzen, betreffen. Sarnoff ist der Ansicht, dass die Phantasie zum Vehikel für Veränderung wird: Das Kind gelangt durch seine Phantasie zur Bemeisterung. Auch Gerard Donnellan (1980) behauptet, dass eine angemessene Beschreibung der Veränderungen in der Latenzphase die wachsende Fähigkeit des Kindes, Symbole Weise – um Wünsche und Triebstrebungen weniger direkt und stattdessen zielgehemmt zu äußern – zu benutzen, berücksichtigen muss. Diese Entwicklungserrungenschaft spiegelt strukturelle Veränderungen wider, die sich in einer besseren Impulskontrolle zeigen – einem stärkeren Interesse an kognitiver Bemeisterung sowie am Gebrauch der Sprache anstelle von Aktion, um Wünsche auszudrücken. Dieses Denken ist klinisch insofern hilfreich, als die Umstrukturierung des Latenz-Ichs durch die Verwendung psychoanalytischer Symbole in der Phantasie gefördert werden kann. Harold Blum (1978) hat die Symbolbildung unter dem entwicklungspsychologisch-dynamischen Blickwinkel untersucht und sowohl theoretische Schriften als auch Studien über Kinderbeobachtungen von Piaget, Spitz, Mahler und Winnicott für seine Arbeit herangezogen. Er formulierte die Hypothese, dass psychoanalytische Symbolik eine rudimentäre Ich-Entwicklung voraussetzt und wahrscheinlich nicht vor vollzogener Selbst-Objekt-Differenzierung, also nicht vor Beginn des zweiten Lebensjahres, möglich wird. Psychoanalytische Symbolik setzt Elemente des Körper-Ichs und der Objektwelt in eins. Im ersten Lebensjahr, während der vorwiegend oralen Phase, besitzt der Säugling weder ein vollentwickeltes Körper-Ich (R. Fliess 1973, S. 23), das für einen Symbolisierungsprozess mit charakteristischen Eigenschaften erforderlich wäre, noch die notwendigen rudimentären Ich-Funktionen und die Fähigkeit zur Verdrängung.

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