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Blum erläutert, dass „Hypothesen über die Symbolbildung präverbale und protoverbale Beobachtungen und Rekonstruktionen mit unvermeidlichen Annahmen und Mutmaßungen enthalten. Studien über Symbolik, die mit unvollständiger Selbst- Objekt-Differenzierung und oralem Konflikt zusammenhängt (z.B. Brust, Zähne, Zunge usw.), verweisen darauf, dass nach dem Übergangsobjekt [Winnicott 1967] und vor dem verbalen, abstrakten ‚Nein‘ [Spitz 1957] wahrscheinlich eine ‚unbewusste‘ Symbolik auftaucht. Die ersten unbewusst gebildeten Symbole differenzieren sich demnach zu Beginn des zweiten Lebensjahres aus einem protosymbolischen Komplex heraus; dies fällt in etwa zusammen mit der Entwicklung einer sichereren, stabileren Repräsentanz des Primärobjekts und mit der Übungssubphase der Separation- Individuation. Es ist eine Zeit der sich erweiternden Kommunikation und des explorierenden Spiels, der Selbstberuhigung mit immer häufigerer Andeutung symbolischer Rollen, komplexerer psychischer Manipulationen mit beständigen und voneinander differenzierten Akteuren und Aktionen, Objekten und Eigenschaften. Körpergrenzen und Körperbild werden einer rapiden Schematisierung unterzogen. Das klare Auftauchen symbolischer Prozesse lässt sich dem frühen zweiten Lebensjahr zuschreiben, in dem das Kind sprachliche Symbole zu benutzen beginnt und die psychoanalytische Symbolik mit voranschreitender Entwicklung immer klarer erkennbar wird“ (Blum 1978, S. 466). Vor einigen Jahren vertrat Blum (2010, 2017) die Auffassung, dass Fortschritte der Säuglingsforschung und der neurowissenschaftlichen Entwicklungsforschung (Ammaniti, Tambelli & Odorisio 2013; Ammaniti & Gallese 2014), welche die frühesten Entwicklungsphasen einschließlich pränataler fetaler Bewegungen und früher Körperschemata betreffen, auf eine rudimentäre protosymbolische Disposition verweisen könnten, eine primäre Strukturierung spannungslindernder Verbindungen zwischen Hand und Mund und Haut, lange bevor sich die Fähigkeit zu unbewusster und kommunikativer Symbolik entwickelt. In ähnlicher Weise entwickelt sich in der Phase der „prä-objektalen Welt“ die frühe Synchronisation (d.h. die Reaktion des Herzschlags und der Bewegungen des Fetus auf den Klang der singenden oder beruhigend sprechenden Stimme der Mutter) zu Signalen, die registriert werden und stresslindernd wirken können (das Baby reagiert auf das Geräusch der Schritte der Mutter, noch bevor es diese erblicken kann). Psychosomatische und physiologische Marker wie Blutdruck und Herzfrequenz spiegeln bekanntlich ebenso wie die allgemeine affektive und senso- motorische Regulation im Orbit von Mutter und Säugling die Synchronisation und frühe Registrierung der affektiven Disposition der Mutter wider. In der Mutter-Baby- Dyade erfolgt eine gegenseitige emotionale Zufuhr und Regulierung beider Beteiligter in einem präsymbolischen Austausch körperlicher und emotionaler Inhalte, die sich später zu Mustern einer nuancierten emotional-kognitiven Kommunikation weiterentwickeln. Unter dem Blickwinkel der Symbolbildung betrachtet, können solche Phänomene allesamt eine archaische rudimentäre Signalisierungsfähigkeit zu erkennen geben, die im Laufe der Entwicklung den Weg für die Fähigkeit zur (auch unbewussten) Symbolbildung bahnt und sich in diese verwandelt.
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