Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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IV. K. Kinderanalyse: Denkprozesse im symbolischen Spiel Phyllis Greenacre (1969, 1970) knüpft an das von Winnicott (1953) beschriebene Übergangsobjekt an, das sich nach ihrer Meinung aufgrund seines Potenzials, sowohl in der Realität als auch in der sich wandelnden Weltwahrnehmung des Kleinkindes in vielen unterschiedlichen Formen und Gestalten in Erscheinung zu treten, zur symbolischen Repräsentation eignet. Dies ist besonders wichtig, wenn dem Kind die Sprache in der frühen präödipalen Entwicklung der ersten beiden Lebensjahre noch nicht zur Verfügung steht. Greenacre hat ihre Theorien zum Übergangsobjekt in Bezug auf Illusion, Symbolik und allgemeine Kreativität weiter ausgearbeitet. Sie beschreibt die außerordentliche Komplexität der Wahrnehmungsfähigkeit und der sich ständig verändernden senso-motorischen Reaktionen insbesondere in den ersten beiden Lebensjahren, die mannigfaltige Illusionen auf dem Weg zu und im Dienste von sich stabilisierender Objektwahrnehmung hervorbringen. Solche in beinahe unendlicher Vielfalt verfügbaren Kombinationen von Wahrnehmungselementen erlauben unter günstigen inneren und äußeren Umständen Nuancierungen, Schattierungen und Mehrdeutigkeiten, die zur Quelle des symbolischen Denkens werden. Eleanor Galenson (Galenson & Roiphe 1971, Galenson 1986) untersucht Aspekte der Denkprozesse, die verbalen wie auch nonverbalen Spielkomponenten zugrunde liegen, und konzipiert zwei alternative Entwicklungslinien: eine Linie, die vom Spiel zu kreativer Arbeit und Sublimierung, und eine zweite, die zum Agieren führt. Unter Berufung auf Greenacre (1969, 1970), Langer (1930) und Piaget (1929) beschreibt Galenson die nonverbale Kommunikation, die sich in der Körpersprache und im Agieren manifestiert, und setzt solche Kommunikationsformen zu einer präverbalen Form des Denkens in Beziehung. Unter Berufung auf Furths und Vernons Nachweis, dass ein schweres oder totales Sprachdefizit auch ohne Verlust der Denk- und Symbolisierungsfähigkeit vorkommen kann, vertritt sie die Ansicht, dass frühe Aktionsmuster ohne jede Bildvorstellung nach und nach zu repräsentationalem Denken incl. Bildvorstellungen führen (Furth 1971; Vernon 1967). Galenson versucht, die strukturellen oder organisatorischen Eigenschaften des Spiels als Modi zu definieren, die sich von Körperfunktionen herleiten. Diese Muster weisen „vektoriale Eigenschaften“ oder Organisationsprinzipien wie Richtung, Kraft, Balance, Rhythmus und die Eigenschaft des „Umschließens“ auf. Klinische Beispiele illustrieren eine Methode der Kategorisierung und Niederschrift von Derivaten der Körperempfindungen und Affekte durch einen strukturellen oder organisatorischen Referenzrahmen. Im Gegensatz zum symbolischen Reichtum künstlerischer Arbeit und der beeindruckenden Vielfalt des Spiels normaler Kinder ist klinisch zu beobachten, dass Variabilität, Reichtum und Originalität des symbolischen Spiels emotional beeinträchtigter Kinder verarmt sind. Der Anteil direkter Impulsäußerungen durch körperliche Bewegung ist hingegen erhöht. Die Verarmung des frühen symbolischen Spiels kann zu Einschränkungen der Möglichkeiten führen, die für die Äußerung

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