Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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körperlicher Sensationen und der mit ihnen einhergehenden psychischen Prozesse verfügbar sind – eine Einschränkung, die bestimmte Formen des Agierens und anderen pathologischen Verhaltens nach sich ziehen kann.

IV. L. Säuglingsforschung von Beatrice Beebe und Frank Lachmann Auf der Grundlage von Studien über die frühe Repräsentationsfähigkeit vertreten Beebe und Lachmann (2002) die Ansicht, dass frühe Interaktionsstrukturen im ersten Lebensjahr in präsymbolischer Form repräsentiert werden und als Basis auftauchender symbolischer Formen der Selbst- und Objektrepräsentanzen dienen. Sie untersuchen speziell die Beschaffenheit sowie die Muster der wechselseitigen Regulation zwischen Mutter und Baby in den ersten Lebensmonaten und illustrieren anhand ihrer Mikroanalysen von Film- und Videoaufzeichnungen abgestimmte und entgleiste Austauschvorgänge. Der dynamische Prozess wechselseitiger Anpassungen bildet laut Beebe und Lachmann die Substanz der frühesten Interaktionsrepräsentationen. Repräsentiert wird somit ein dyadisches Phänomen, das nicht auf der Grundlage ausschließlich eines der beiden Partner beschrieben werden kann. IV. M. Symbolisierung im analytischen Prozess Norbert Freedman und Jared Russell (2003) definieren Symbolisierung als “ Verknüpfung von Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen der Psyche, wobei eine die andere repräsentiert“, und „psychische Qualität, die ungeachtet jeder theoretischen Orientierung als Teil einer gemeinsamen Grundlage für eine analytische Behandlung erforderlich ist“ (S. 39). Im Anschluss an ihre Übersicht verschiedener Formen der Symbolisierung im psychoanalytischen Diskurs formulieren Freedman und Russel ihre Hypothese einer „inkrementalen“ oder „schrittweisen“ Symbolisierung. Die Autoren beschreiben und illustrieren vier symbolische Formen, die im psychoanalytischen Diskurs vorkommen: 1. beginnende Symbolisierung; 2. diskursive Symbolisierung; 3. dynamische Symbolisierung und 4. De- oder Entsymbolisierung. Diese vier Formen lassen sich allesamt in gesprochener Sprache identifizieren. Jede hängt aufs engste mit Themen des zeitgenössischen psychoanalytischen Denkens zusammen: Die Autoren bringen ihre Beobachtungen zur Symbolisierung mit dem von Winnicott entwickelten Konzept der Übergangszustände in Verbindung, mit der von Fonagy und Target konzipierten Reflexionsfunktion, mit der Symbolisierung unbewussten Konflikts und schließlich mit der Dissoziation. Sie beschreiben die Interpenetration symbolischer Formen in einer einzelnen Analysestunde. Jede dieser Formen sowie ihre Interpenetration in der Sitzung wird auf der Basis empirischer Beobachtung spezifiziert und an Beispielen illustriert. Die Autoren sehen zwei Wege zu psychoanalytischem Wissen: den klinisch-konzeptuellen und den empirischen. Sie schließen mit Überlegungen zu einer optimalen Darstellung des psychoanalytischen

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