Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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V. Ac. Einflussreiche französische Autoren V. Aca. Jacques Lacan

Lacan (1998) unterscheidet drei Register der Psyche, nämlich le réel, l'imaginaire et le symbolique – das Reale, das Imaginäre und das Symbolische. Diese drei Ordnungen sind nicht mit Entwicklungsstufen zu verwechseln. Laut Lacan ist die symbolische Ordnung der Geburt vorgängig. Das Subjekt wird in eine Familie, in ein System aus Bündnissen und Kultur hineingeboren. Dazu zählen das Inszestverbot, das für die Organisation der ödipalen Struktur von maßgeblicher Bedeutung ist, die wiederum die prägenitalen Strukturen nachträglich organisiert. Die Einbeziehung der Vater-Imago in die menschliche Psyche ist dementsprechend durch die symbolische Ordnung, in die das Baby hineingeboren wird , vorgegeben. Mit der symbolischen Ordnung wird das Baby durch die Mutter konfrontiert. Während Freud (1923b) annahm, dass die Vater-Imago durch primäre Identifizierung internalisiert wird, geht Lacan davon aus, dass sie dem Kind durch die Mutter vermittelt wird. Lacans Register des Realen entspricht nicht dem allgemein üblichen Verständnis des Realitätsbegriffs. Er betrachtet das Reale als Bestandteil der psychischen Struktur, der konstituiert wird durch das, was verworfen wird und wiederauftauchen kann, um dann so erlebte Realität wahrgenommen zu werden. Das Reale in Lacans Sinn ist ein Grundkonzept für das Verständnis psychotischer Phänomene, beispielsweise die Angst, dass andere die eigenen Gedanken lesen können, weil der psychotische Patient seine Psyche nicht als sein Inneres erlebt. Das Imaginäre weist eine gewisse Nähe zu Freuds Beschreibungen narzisstischer Phänomene auf. Allerdings unterscheidet sich Lacans Konzeptualisierung von Freuds Theorie, was die Entwicklung des Narzissmus betrifft. Lacan beschreibt ein Spiegelstadium als Grundlage für das Verständnis des Imaginären: Ein Kind im Alter zwischen sechs und 18 Monaten erkennt sich selbst als ein Ganzes im Spiegel. Laut Lacan nimmt das Kind hinter dem Bild im Spiegel sein Ideal-Ich wahr, konstituiert durch die Ideale, die die Mutter dem Kind im Einklang mit ihrer Kultur vermittelt. Das Baby muss diese Bilder internalisieren, um seiner Mutter zu gefallen, was seine eigene Individualität gefährdet. Das Bild des Vaters gelangt zum Kind durch den Blick der Mutter. In diesem Sinn verstanden, wird das von Lacan konzipierte Imaginäre durch die Umwelt des Babys erschaffen und als solches vermittelt, wenn das Baby sein Bild im Spiegel erblickt und wenn die Mutter es ansieht.

V. Acb. André Green Green (1979) formulierte seine Überlegungen zur Symbolisierung vorwiegend im 3. und 4. Kapitel der deutschsprachigen Ausgabe seines Buches „Geheime

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