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Die Symbolbildung, so Bleichmar, ist nicht angeboren , sondern entwickelt sich in der Beziehung zu einem/einer Anderen. „Sie ist eine ‚Neuschöpfung‘, die aus dem, was gegeben ist, etwas produziert […]. Dies ist erforderlich und geschieht nicht von selbst, nicht ohne eine produktive Intervention“ (S. 87). Symbolisierung erfolgt demnach nicht spontan; sie ist kein direkter Impuls- und Triebabkömmling, sondern ein Prozess, der die Andere zur Voraussetzung hat. Bleichmar schreibt: „Zu sprechen lernt man nicht Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Man lernt das Sprechen als Teil des symbolischen Netzwerks, dem das Subjekt angehört, und das Subjekt verstoffwechselt Wissen und etabliert auf diese Weise Bedeutungsordnungen in der Welt“ (S. 10). Angelehnt an Lacan, nimmt Bleichmar an, dass dem Menschen eine symbolische Ordnung vorgängig ist, ohne die eine Subjektwerdung nicht möglich ist. Der Symbolisierungsprozess umfasst Umschriften (Übersetzungen von einem psychischen System in ein anderes) und auch Umdeutungen (neue Bedeutungen). Sie schreibt: “Symbolisierung ist eine Umschrift, aber Umschriften sind nicht nur endogener Art, sondern sind auch die Folge äußerer Aktionen, Aktivierungen, Bereicherungen; sie sind das Resultat neuer Erfahrungen durch neue Resymbolisierungsweisen“ (Bleichmar 2010, S. 372). Betont wird die Bedeutsamkeit der/des Anderen für diesen Prozess: „Der andere Mensch stellt die Codes und die Möglichkeit dessen, was kodifiziert werden kann, zur Verfügung, zum Beispiel das Sprachsystem“ (Bleichmar 2010, S. 372). Die kindliche Psyche wird durch die Sprache der Mutter strukturiert: „Durch ihre Sprache werden bestimmte Rhythmen, bestimmte Verbote und bestimmte Denkweisen in der Psyche des Kindes strukturiert. Und wenn ich von Sprache spreche, denke ich an jedwede Sprache, an kategoriale Systeme der Organisation von Raum und Zeit“ (ebd., S. 117f.). Vor allem Kindern stellt die Analytikerin ihre Symbolisierungsfunktion zur Verfügung. Dazu Bleichmar: „Ich möchte sagen, dass ein Kinderanalytiker hier eine sehr wichtige Aufgabe hat, die darin besteht, die eigene Identifizierung mit dem Kind zu aufrechtzuerhalten, um eine angemessene symbolisierende Intervention anbieten zu können“ (S. 132). Sie bezeichnet Freuds Konstruktionen in der Analyse mit dem Begriff „Symbolisierung des Übergangs“: „Wenn sie [die Konstruktion] korrekt ist, bahnt sie neuen Assoziationen den Weg“ (S. 360). Wird dem Patienten eine Intervention in Form einer symbolischen Verbindung angeboten, so hilft ihm diese, seinen eigenen Symbolisierungsprozess wiederaufzunehmen: „Die Strukturierung von Möglichkeiten der Intervention, die symbolische Verbindungen in Form von Symbolisierungen des Übergangs herstellen“ (S. 450). Bleichmar betrachtet die therapeutische Begegnung als einen Ort, an dem Symbolbildung stattfinden kann. Sie erläutert die Reverie des Analytikers und seine
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